Kirchheim
Kirchheim wird zur Winzerstadt

Festwochen Am heutigen Donnerstag wird das Weindorf auf dem Rollschuhplatz eröffnet. 18 Tage lang dreht sich alles um die edlen Tropfen. Von Andreas Volz

Die Weindorfwirte üben sich in Galgenhumor: Gestern, am Tag vor der Eröffnung, sollte noch gewerkelt werden, was das Zeug hält. Stattdessen öffnet der Himmel am Nachmittag sämtliche Schleusen. Alle Arbeiten, die sich nicht direkt unter einem schützenden Dach erledigen lassen, bleiben liegen. „Das sieht ganz nach einer Nachtschicht aus“, meint Michael Holz gelassen. Seine „Bärenlaube“ ist immer später dran als die anderen beiden Lauben. Sie liegt am Eingang des Weindorfs und kann deswegen nur zeitversetzt zu den anderen aufgebaut werden.

Auch den Teams kann der starke Regen nichts anhaben. Lutz Bransch, der seit Jahren den Aufbau der „Bärenlaube“ leitet, denkt sogar schon an die Kundschaft, die von heute Abend an bis 25. August täglich ab 17 Uhr den Rollschuhplatz bevölkern soll: „Für die Gäste ist dieses Wetter beim Aufbau ideal.“ Die Erklärung ist denkbar einfach: „Das ist der ultimative Regentest.“ So lässt sich rechtzeitig erkennen, ob es noch irgendwo eine undichte Stelle im Dach gibt.

Und so viel steht fest: Sollte nicht direkt die Sintflut über Kirchheim hereinbrechen, muss kein Gast Angst haben, dass höhere Mächte seinen Wein in Schorle verwandeln, bevor er serviert ist. Michael Holz schwört während des Weindorfs übrigens auf „Chef-Schorle“ - mit sehr viel Wasser. Sein Kollege Robert Ruthenberg, Wirt der „Waldhornlaube“, meint spöttelnd: „Nach 36 Stück wirkt das aber auch.“ Und schon sind die Wirte wieder beim Wetter. „Zum Glück wird es wohl nicht so heiß wie letztes Jahr“, sagt Walter Brackenhammer von der „Weinlaube“, der dritte im Bunde der Weindorfwirte. „Wir rechnen mit erträglichen Temperaturen.“

Wetterbeobachter sind die Wirte aber nicht nur, wenn es darum geht, ob sie ihre 1200 Sitzplätze rund um die Uhr belegt kriegen. Die Temperaturen bestimmen auch die Getränkeauswahl. „Letztes Jahr haben wir in den ersten zehn Tagen fast keinen Rotwein verkauft“, berichtet Michael Holz, „wenn‘s richtig heiß ist, liegt eben Rosé im Trend.“ Und auch den gibt es als Schorle, was bei großer Hitze noch mehr zu empfehlen ist.

Die Gäste haben aber die unterschiedlichsten Strategien, um alkoholbedingte Schwierigkeiten zu vermeiden: Bei den Reservierungen geht der Trend immer mehr zu größeren Gruppen, die dann häufig einen Fahrer dabei haben, der den ganzen Abend nur Wasser trinkt. Andere kommen per S-Bahn oder lassen sich vom Sammeltaxi nach Hause chauffieren.

Was ebenfalls gegen die Nebenwirkungen des Alkohols helfen kann, ist das Essen. Auch da zeigt sich das Kirchheimer Weindorf von seiner besten Seite: Für jeden Gaumen ist etwas geboten - bis hin zu Wildfang-Garnelen und gegrilltem Oktopus. Robert Ruthenberg stellt fest: „Ich kenne kein großes Fest, wo so hochwertig gekocht wird wie auf dem Kirchheimer Weindorf. Das kann ich guten Gewissens sagen - ohne anzugeben.“ An den drei Weindorf-Sonntagen gibt es beispielsweise Gourmet-Tage in der „Waldhornlaube“, zu denen die Spitzenköche Sven Hemman, Tobias Scheu und Nicholas Hahn jeweils mit Vier-Gänge-Menüs aufwarten.

Die „Weinlaube“ veranstaltet an den beiden Dienstagen italienische Abende und an den beiden Donnerstagen ab nächster Woche Grillabende mit dem „Big Green Egg“. Auch andere Genüsse hat Walter Brackenhammer im Angebot: Jeweils montags gibt es bei ihm außer der Weinberatung auch „Whisky- und Zigarrentasting“ - wo Schottland auf die Karibik trifft und wo man sich mitunter fragt, was rauchiger schmeckt.

Wein erleichtert den Gesang

In der „Bärenlaube“ wiederum spielt vor allem die Musik: Jeden Donnerstag und Freitag treten „Axel & Siggi unplugged“ auf - mit Gitarre und Akkordeon. Wer will, kann auch mitsingen. Und da wiederum könnte der Wein behilflich sein. Zumindest die Gäste in Feierlaune dürften darin eine positive Nebenwirkung des Weins sehen.

Die Weine selbst stehen beim Weindorf schon namentlich im Mittelpunkt. Sie kommen wieder aus der ganzen Welt, wobei jeder Wirt sein eigenes Wein-Programm zusammengestellt hat. Alle drei haben jetzt auch einen „Raritäten-Schrank“, bei dem es sich für wahre Kenner lohnt, den einen oder anderen Blick hinter die Schranktüre zu riskieren. Was die Wirte ebenfalls eint, sind die Produkte des Staatsweinguts Meersburg. Robert Ruthenberg schwärmt von einem „überragenden Preis-Leistungs-Verhältnis“ und kommt unweigerlich wieder aufs Wetter zu sprechen: „In Meersburg ist es auch super-sonnig.“