Kirchheim

Klein fängt es an

Bildung Zum Kirchheimer Schulgarten gehört ein kleines Pflänzchen mit großem Wachstumswillen – die Freie Evangelische Schule. Das Modell ist auf dem Vormarsch. Von Peter Dietrich

Fotos: Peter Dietrich
Fotos: Peter Dietrich

Kurt Würthele öffnet die Tür im CVJM-Haus im Doschler und zeigt hinaus: „So einen schönen Schulhof bekommen wir nie wieder.“ Für die große, schattige Wiese stehen für jeden Schüler Gummistiefel bereit, für weniger Schmutz in den beiden Klassenzimmern. Nur zwei? Ja, unten werden acht Erstklässler und sechs Zweitklässler gemeinsam unterrichtet, einen Stock höher fünf Drittklässler. Dazu kommt ein kleines Büro, das ist alles. Einmal pro Woche am Nachmittag kommen elf Kinder in die Vorschule. Kaum zwei Jahre alt, steht die wachsende Schule nun vor ihrem zweiten Umzug - es ist ein großer Schritt.

Die Initiative zur Gründung der Freien Evangelischen Schule (FESK) ging von der Kirchheimer Familie Wimmer aus - das war 2013. Inzwischen ist die Familie aus beruflichen Gründen nach Lahr gezogen. Dennoch zählt der im Frühjahr 2014 gegründete Trägerverein aktuell 21 Mitglieder. Sie kommen unter anderem aus der evangelischen Kirche, der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde und dem Württembergischen Christusbund.

Der Schulstart im Sommer 2015 war spannend, die staatliche Genehmigung kam erst drei Wochen vorher. Die sechs Erstklässler trafen sich im Haus des Christlichen Jugenddorfwerks Deutschlands (CJD) im Doschler. Dann wurde der dortige Raum für die neue Kita gebraucht, deshalb ist die FESK nun gleich nebenan beim CVJM zu Hause. Dort unterrichtet die Schulleiterin Linda Kirschner. Sie war vorher zwei Jahre lang in der Stuttgarter Nikolauspflege für sehbehinderte Kinder tätig. Ihre ähnlich junge Kollegin Ella Mainik kam frisch vom Referendariat an die FESK. Dritte Frau im Bunde ist die Vertretungslehrerin Beate Fellmann. Als Vierte kommt ab Sommer in Dettingen eine erfahrene Grundschullehrerin hinzu. Die staatliche Anerkennung einer Schule - und damit staatliches Geld - gibt es grundsätzlich erst ab dem vierten Schuljahr.

Den Vorsitz des Trägervereins hat Kurt Würthele, 77 Jahre alt und sehr agil, übernommen. Auf der Suche nach größeren Räumen entdeckte er die Ausschreibung der Firma Adolf Dietz in Dettingen. Dort hat die FESK nun für fünf Jahre 360 Quadratmeter Büroräume gemietet. „Der Name bleibt“, sagt Würthele zum Überschreiten der Gemeindegrenze. Auch das sei nur ein Zwischenschritt, langfristig sieht er die Zukunft der FESK in Kirchheim. Der Einzugsbereich der Schule ist groß, derzeit kommen Schüler aus Weilheim, Dettingen, Notzingen, Wendlingen, Erkenbrechtsweiler und natürlich Kirchheim, um dort zu lernen.

Würthele freut sich über die positive Zusammenarbeit mit anderen Schulen. Er erzählt von seiner Suche nach einer Turnhalle und der Unterstützung der Eduard-Mörike-Schule in Ötlingen. Anfangs fuhren die Eltern, nun bringt ein Bus die Schüler am Freitag zu alten Ötlinger Halle. Das ist freitags in den letzten Stunden, die Eltern holen die Kinder dann in Ötlingen ab.

Schöpfung in allen Fächern

Grundsätzlich orientieren sich die Lehrinhalte der Freien Evangelischen Schule am Bildungsplan für Baden-Württemberg. Aber was ist anders? Es ist nicht nur, dass der evangelische Religionsunterricht für alle verpflichtend ist. „Was an staatlichen Schulen im Fach Religion gemacht wird, zieht sich bei uns durch alle Fächer“, sagt Würthele, - die Schöpfung. Linda Kirschner zeigt auf den aktuellen „Satz der Woche“, mit dem Wörter und Grammatik geübt werden. Es ist ein Vers aus der Bibel. Wenn es um die schlaue Natur und den Menschen gehe, gehe es auch darum, wer sich das alles ausgedacht hat. Der Schultag beginnt mit einem Morgenkreis mit Lied und Gebet. Einmal im Monat und zu Feiertagen feiert die ganze Schule einen Gottesdienst.

So klein wie jetzt dürfen die Jahrgänge langfristig nicht bleiben, wenn die FESK wirtschaftlich überleben soll. Doch Linda Kirschner schätzt den derzeit gemeinsamen Unterricht der Erst- und Zweitklässler: „Das Helfen wird ganz gut gefördert, die Zweitklässler lernen auch von den Erstklässlern. Die Dinge festigen sich.“ Derweil reisen die fünf Drittklässler textlich durch Afrika und lachen über ihre spaßigen Bewegungen dazu. Da werden sie auch den Umzug nach Dettingen locker schaffen. Die dortige Einweihung ist am 7. Oktober geplant.

Eine Schulart holt auf

Die Freie Evangelische Schule Kirchheim (FESK) ist Mitglied im Evangelischen Schulwerk Baden und Württemberg. Sie hat sich außerdem dem „Verband Evangelischer Bekenntnisschulen“ (FEBS) angeschlossen. Dessen Bildungseinrichtungen besuchen an 220 Orten in Deutschland etwa 40 000 junge Menschen. Schwerpunkte sind Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Sachsen.

Das Spektrum reicht von großen Schulen mit langer Tradition wie in Bremen (1 500 Schüler) oder Reutlingen (knapp 1 000 Schüler) bis zu kleinen Neugründungen wie in Kirchheim oder Bad Krozingen (zehn Schüler).

Durch die starke Nachfrage ist das Wachstum dieser Schulen häufig groß. Die Freie Evangelische Schule Esslingen begann im September 2008 mit zehn Schülern. Nach zwei Umzügen unterrichtet sie derzeit, nur neun Jahre später, als Grund- und Realschule in neun Jahrgangsstufen über 230 Schüler. pd

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