Kirchheim

„Kleine Schlachtereien fördern“

Lebensmittel Karl Ederle und Hanns Aberle prangern das Ungleichgewicht zwischen Groß- und Kleinbetrieben an und wünschen sich mehr Tierwohl. Von Iris Häfner

Bis das Fleisch in der Ladentheke landet, sind viele Arbeitsschritte nötig. Foto: Jean-Luc Jacques
Bis das Fleisch in der Ladentheke landet, sind viele Arbeitsschritte nötig. Foto: Jean-Luc Jacques

Die Großschlächtereien in Deutschland sind wegen der hohen Zahl an Corona infizierten Mitarbeitern in mehreren Betrieben zum wiederholten Mal in den Fokus geraten. Das haben Karl Ederle und Hanns Aberle zum Anlass genommen, sich grundsätzlich Gedanken zu diesem emotionsgeladenen Thema zu machen. Die beiden Bissinger wollen sich an Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, wenden.

Karl Ederle ist stolzer Besitzer von Galloway-Rindern. Seine Herden sind als Landschaftspfleger auf der Alb und am Albtrauf unterwegs. Dank ihres Appetits auf Gras erhalten sie die vielgepriesene Kulturlandschaft mit ihrem Artenreichtum - Stichwort Streuobstwiese. Das Fleisch von seinen Tieren vermarktet der Landwirt selbst. Zu diesem Zweck bringt er die Rinder zum Schlachthof in Göppingen. Dort werden die Bullen getötet und die Rinderhälften im Kühlraum etwa eine Woche abgehängt, ehe sie zum Zerlegebetrieb Seifried in Altbach kommen. Nach einem einheitlichen Schema portioniert, können die Kunden auf dem Bio-Hof von Karl Ederle das Fleisch abholen.

„Die vergangenen Jahrzehnte hat die Politik darauf hingearbeitet, den handwerklich arbeitenden Metzgern das Schlachten zu vergällen. Auflage auf Auflage folgte“, kritisiert Karl Ederle, der bis zu seinem Ruhestand bei der Rinder­union tätig war. Vieles würde den kleinen Schlachthöfen abverlangt. „Ist ein Betrieb erst mal dichtgemacht, ist er für immer weg“, ist seine Erfahrung. Je länger die Anfahrten werden, desto schwieriger wird es für die Direktvermarkter. Am Ende könnte auch deren Betriebsaufgabe stehen. „Die kleinen Schlachtbetriebe muss man fördern - und nicht bekämpfen“, lautet seine klare Forderung. Erst recht, wo immer mehr Wert auf Regionalität der Produkte gelegt werde. „Die Politik sollte ein wohlwollendes Auge auf diese Betriebe werfen und nicht nur ein wachsames. Was Schweine heute alles aushalten müssen, ist nicht in Worte zu fassen“, sagt er im Blick auf die industrialisierte Landwirtschaft und die Großschlächtereien.

Das Ungleichgewicht zwischen Groß- und Kleinbetrieben ist auch Hanns Aberle ein Dorn im Auge. Sein Lieblingsbeispiel für die Verordnungswut: Der Veterinär zur Fleischbeschau braucht einen eigenen Raum zum Umziehen. „Für kleine Metzgereien ist das ein zusätzlicher Raum, der finanziert werden muss. Das ist nicht angemessen“, sagt er. Der passionierte Jäger plädiert zudem für den Weideschuss, der bis auf wenige Ausnahmen verboten ist. „Das ist nicht nachvollziebar, denn der Weideschuss ist stressfrei für die Tiere. Keine Kuh hat auch nur den Kopf bewegt, als ich wegen eines Notfalls ein Tier erschießen musste“, erzählt er. Nicht nachvollziehbar ist für ihn auch, dass 50 lebende Schweine eng zusammengepfercht über hunderte Kilometer transportiert werden dürfen - ein totes Tier im Anhänger aber keinen einzigen. „Das ist weder im Sinne des Tierschutzes, noch der Ökologie und Nachhaltigkeit. Tiere sollten dort getötet und zerlegt werden, wo sie leben“, fordert Hanns Aberle. So würden lokale Erzeuger und Verarbeitebetriebe unterstützt. „Im Moment wird ihnen das Leben jedoch schwer gemacht. Die Lobbyisten arbeiten für die Großbetriebe und gegen die Kleinen. So entsteht eine Schieflage“, kritisiert er. Sein Wunsch: Entsprechende Ideen entwickeln, die alle Beteiligten mitgestalten können -und dann rechtliche Rahmenbedingungen schaffen. „So entsteht für alle Betriebe ein Wettbewerb und der Verbraucher kann sich entscheiden, welches Produkt er kauft“, erklärt Hanns Aberle.

Kritik am derzeitigen System übt auch Samuel Rüger, Vorstandsmitglied bei der Fleischer-Innung Stuttgart-Neckar-Fils und hauptamtlicher Vorstand bei Mega (Fach-Zentrum für die Metzgerei und Gastronomie). „Das günstige Fleisch ist sozialpolitisch gewollt, die Politik duldet das schon lange. Wir Deutschen geben am wenigsten für Nahrungsmittel aus, um uns Reisen und andere Luxusgüter leisten zu können“, erklärt er. Im Göppinger Schlachthof, für den er verantwortlich ist und der seit 1878 besteht, gibt es 40 Angestellte. Geschlachtet wird an vier Tagen in der Woche. „Wir haben die Themen Tierwohl und Menschenwohl im Blick“, sagt er. Seine Metzger dürfen sich bei der Arbeit um ein Vielfaches mehr Zeit lassen als ihre Kollegen in den Großschlächtereien.

Anzeige