Kirchheim

Kliniken horten Masken für die zweite Welle

Pandemie In den Medius-Kliniken ist der erneute Anstieg der Infektionen noch nicht spürbar. Bei Bedarf kann man schnell wieder auf Covid-Betrieb umschalten. Von Antje Dörr

OP-Alltag in der Medius-Klinik in Kirchheim: Im Vergleich zum Frühjahr ist wieder mehr Normalität eingekehrt. Allerdings kann je
OP-Alltag in der Medius-Klinik in Kirchheim: Im Vergleich zum Frühjahr ist wieder mehr Normalität eingekehrt. Allerdings kann jederzeit auf Covid-Betrieb umgestellt werden. Foto: Medius-Kliniken

Die deutschen Staatsangehörigen, die Ende Februar aus Wuhan ausgeflogen und im Ateck-Hotel in Kirchheim untergebracht wurden, haben den Medius-Kliniken zu Beginn der Pandemie einen unverhofften Vorsprung beschert. Denn sie haben die Klinikverantwortlichen gezwungen, sich früh - vielleicht früher als andere - mit der Frage auseinanderzusetzen: Wie behandeln wir Patienten, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert haben, in unseren Häusern? Wie stellen wir sicher, dass andere Patienten und das Personal geschützt werden? „Das war unser Glück“, sagt Dr. Jörg Sagasser, Medizinischer Direktor der Medius-Kliniken in Kirchheim, Nürtingen und Ruit, im Rückblick. „Das Thema war uns nicht ganz fremd.“

Als im März die Zahl jener Menschen steigt, die an Covid-19 erkrankt sind, werden Gremien etabliert, Krisenstäbe aufgebaut, Videos gedreht, wie die Schutzkleidung korrekt an- und abgelegt wird. Parallel wird Platz geschaffen für die Behandlung von Covid-Patienten. „Wir haben innerhalb eines Tages in der zweiten Märzwoche den Elektivbereich, also die geplanten Operationen, abgesagt“, sagt Jörg Sagasser. Ein Aufwachraum in Nürtingen wird zur Intensivstation umgebaut, um mehr Beatmungsplätze zu schaffen. „Italienische Verhältnisse“ ist ein Begriff, den Sagasser immer wieder verwendet. Der „worst case“. Darauf will man vorbereitet sein.

In der Klinik in Nürtingen stoßen die Verantwortlichen Ende März an ihre Grenzen, als die Beatmungsplätze voll sind. Narkosegeräte sind zwar noch vorhanden. „Für eine Langzeitbeatmung sind sie aber nicht sinnvoll“, erklärt Sagasser. Als klar wird, dass die anderen Häuser im Landkreis noch freie Betten haben, beginnt die Medius-Klinik in Nürtingen damit, Patienten zu verlegen. Nach diesem Vorfall werden die Kommunikationswege verbessert. Gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten, den Rettungsdiensten und den anderen Klinikverantwortlichen versucht man, die Patienten von vornherein besser zu verteilen. Insgesamt habe es während der ersten Hochphase der Pandemie mehr als genug Betten für Covid-Patienten gegeben, sagt Jörg Sagasser - zumal man ja noch die Not-Klinik an der Messe aufgebaut habe, die nie in Betrieb gehen musste.

Eine Million FFP2-Masken

Der erneute Anstieg der Infektionen, der seit Juli auch im Landkreis Esslingen zu beobachten ist, macht sich in den Medius-Kliniken aktuell noch nicht bemerkbar. Nachdem Mitte Juli zwischenzeitlich acht Covid-Patienten in den Kliniken behandelt werden mussten, war es gestern nur einer. Jörg Sagasser sieht die Medius-Kliniken auf einen zweiten Anstieg der Neuinfektionen gut vorbereitet. Viel Verbesserungsbedarf im Vergleich zum Beginn der Pandemie gebe es nicht. Intern würden Entscheidungsstrukturen und Kommunikationswege optimiert, auch die Kommunikation mit dem Gesundheitsamt könne noch schneller werden. Aus der Knappheit der Schutzkleidung hat die Klinik gelernt und die Vorratskammern vollgemacht. Eine halbe Million FFP2-Schutzmasken haben die Medius-Kliniken angeschafft.

Ob und wie viele Operationen bei einem erneuten Anstieg der Infektionszahlen abgesagt werden müssen, oder ob gar wieder alle geplanten, nicht lebensnotwendigen Operationen gestrichen werden, wie es im Frühjahr der Fall war, kann Jörg Sagasser heute noch nicht beantworten. „Das hängt alleine von der Fallzahlentwicklung der Covid-Patienten und den dann zur Verfügung stehenden Betten- sowie Personalressourcen ab“, sagt er. Im März sei das von der Bundesregierung so „vorgegeben“ worden. Betten vorsorglich freizuhalten schafft enorme Kosten für das Gesundheitssystem. Bisher erhalten Kliniken für jedes freigehaltene Bett 560 Euro - pro Tag.

Während des Lockdowns haben Patienten, selbst solche mit lebensbedrohlichen Krankheiten, gezögert, Krankenhäuser aufzusuchen. In den kardiologischen Fachabteilungen seien im ersten Halbjahr dieses Jahres weniger Patienten aufgrund eines akuten Herzinfarkts behandelt worden, nämlich 317, sagt Jörg Sagasser. Im ersten Halbjahr 2019 waren es 364. Der Medizinische Direktor setzt auf Aufklärung. „Wir weisen schon seit Monaten bei vielen Gelegenheiten und bei allen unseren Patientenkontakten darauf hin, dass Patienten in Notfällen einen Arzt aufsuchen müssen und erklären, dass die Vorbeugemaßnahmen sehr intensiv und sicher sind“, sagt er.

Im Vergleich zum Frühjahr ist in den Medius-Kliniken wieder ein wenig Alltag eingekehrt. Dennoch ist der Medizinische Direktor in Habacht-Stellung. „Ich habe immer ein Auge darauf, dass wir Intensivbetten freihalten“, sagt er. Wenn die Lage dramatisch werde, könne man schnell wieder auf Covid-Betrieb umschalten.

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