Kirchheim

Knigge kann man nicht knicken

Pädagogik Gudrun Weichselgartner-Nopper unterrichtet Benimmregeln. Die Schüler der Kirchheimer Freihof-Realschule waren begeistert. Von Kai Sonntag

Auch das Halten einer Tischrede will geübt sein.Fotos: Kai Sonntag
Auch das Halten einer Tischrede will geübt sein. Foto: Kai Sonntag

Die Schüler der neunten Klasse in der Freihof-Realschule wissen nicht so genau, was auf sie zukommt. Erwartungsvoll sitzen sie im Stuhlkreis und schauen auf Gudrun Weichselgartner-Nopper. Sie ist zertifizierte Knigge-Trainerin. Alle Jugendlichen der neunten Klasse der Schule können in diesem Jahr einen Knigge-Benimm-Kurs durchlaufen. Barbara Wittemann ist Konrektorin der Schule. „Der Förderverein und die Schulleitung hatten schon seit einiger Zeit die Idee dazu. Jetzt können wir sie im Rahmen der Berufsorientierung umsetzen. Außerdem ist eines der Themen für die Deutschprüfung im kommenden Jahr ‚Umgangsformen - ein Relikt aus früherer Zeit?‘.“

Gudrun Weichselgartner-Nopper kommt in der Klasse schnell zur Sache. „Stellt euch vor, ihr seid zum ersten Mal bei der Freundin oder dem Freund zu Hause zum Essen eingeladen. Sind sich alle einig, dass es wichtig ist, hier eine gute Figur abzugeben und sicher im Umgang zu sein?“ Eifriges Nicken. Spätestens jetzt ist jedem klar geworden: Umgangsformen können im Alltag Sicherheit und Orientierung in schwierigen Situationen geben. „Das ist mein Ziel“, erläutert die Knigge-Trainerin. „Ich will niemandem starre Regeln vorgeben, sondern eine Unterstützung vermitteln. Jeder findet es toll, wenn einer locker mit Alltagssituationen umgehen kann, und vergisst dabei aber häufig, dass das nicht von alleine kommt.“

Konkret spielt die Trainerin mit den Jugendlichen eine Situation bei einem Bewerbungsgespräch durch: Während des Gesprächs zwischen dem Bewerber und dem Ausbildungsleiter kommt der Personalchef in den Raum. Aufstehen oder sitzen bleiben? Wer begrüßt, wer entscheidet, ob die Hände geschüttelt werden? Wie stellt man jemanden vor? „Wer sich in einer solchen Situation nicht korrekt verhält, hat schon innerhalb weniger Augenblicke mehrere Minuspunkte auf seinem Konto“, verdeutlicht die Trainerin.

Im zweiten Teil des Kurses steht für die Jugendlichen ein gemeinsames Mittagessen auf dem Programm. Der Inhaber des Restaurants „Am Ziegelwasen“ Edvard Vogrin hat sich bereit erklärt, bei dem Projekt mitzuwirken. „Ich finde das eine tolle Initiative“, sagt er. „Daher unterstützen wir das gerne.“ Für die Kinder hat er ein mehrgängiges Menü vorbereitet. Sie müssen aber selbst den Tisch eindecken und servieren. Für jeden Gang ist ein Team zuständig, eines für die Getränke. Gudrun Weichselgartner-Nopper übt mit ihnen den richtigen Umgang bei Tisch. Immer ein Junge sitzt neben einem Mädchen als „Tischdame“. „Der richtige Umgang mit der Reihenfolge des Bestecks oder das richtige Verhalten gegenüber einer Dame bei Tisch - das sind die Themen, die mir hier am Herzen liegen“, erläutert die Knigge-Trainerin. Da eine Schülerin nach den Sommerferien die Schule verlässt, wird dieser Anlass sogar für mehrere kleine Tischreden genutzt.

Die Begeisterung bei allen Beteiligten ist groß. Die Jugendlichen merken sehr schnell, wie angenehm gute Umgangsformen sind, und haben viel Spaß dabei. Konrektorin Barbara Wittemann jedenfalls kann sich gut vorstellen, dass daraus ein konstantes Angebot wird. „Die Jugendlichen verlassen im kommenden Jahr die Schule und treten in die Erwachsenenwelt ein. Viele werden eine Berufsausbildung absolvieren, andere eine weiterführende Schule besuchen.“ Sie fährt fort: „Unsere Aufgabe ist es, unsere Schülerinnen und Schüler so gut wie möglich auf den weiteren Weg vorzubereiten. Das betrifft natürlich Fachwissen. Wir wollen aber auch soziale Kompetenzen vermitteln, und dazu gehören eben auch gute Umgangsformen.“

Etwa 75 Schülerinnen und Schüler haben bisher an den Kursen teilgenommen. Die Kosten hat der Förderverein der Schule übernommen. Das Essen haben die Jugendlichen selbst bezahlt.

Anzeige