Kirchheim

Kohlhaas verdoppelt

Szenenwechsel Zwei Schauspieler, eine leere Bühne und ein spannendes, unterhaltendes Theater. Die Lindenhöfer begeistern in der Stadthalle. Von Ulrich Staehle

Szenenfoto: pr

Angenehm ist einmal wieder, dass es ein Programmheft gibt und eine Einführung stattfindet. Der Gastspielmanager übernimmt sie: Das kritische Volkstheater in Melchingen hat sich zu einem gefragten Regionaltheater entwickelt. In Kirchheim waren sie schon einmal mit einem Robert-Gernhardt-Abend.

Diesmal haben die Lindenhöfer ein Stück nach Kleists Erzählung „Michel Kohlhaas“ in die Stadthalle Kirchheim mitgebracht, die Wiederaufnahme einer Fassung von 2010, damals als Sternchenthema im Abitur 120 Mal gespielt, heute wieder aufgelegt, da die Gerechtigkeitsproblematik immer noch aktuell ist.

In der Einführung gibt es eine notwendige Inhaltsangabe: Kohlhaas, ein Mann, dessen „Rechtsgefühl einer Goldwaage glich“, werden an der Tronkaburg vom Junker Wenzel zwei Rappen als Pfand für einen unberechtigten Passierschein einbehalten. Der die beiden Pferde betreuende Knecht Herse wird halb totgeschlagen und davongejagt, die Rappen zugrunde gerichtet. Alle offiziellen Eingaben von Kohlhaas werden durch adlige Familienintrigen abgelehnt. Schließlich kommt auch seine Frau bei der Übergabe einer Bittschrift ums Leben. Darauf übernimmt er „das Geschäft der Rache“. Bei der Verfolgung seines adeligen Widersachers mithilfe einer gesammelten Truppe werden Städte angezündet, es kommen dabei auch Frauen und Kinder um.

In der Stadthalle stehen zwei Schauspieler auf der Bühne, Stefan Hallmayer und Luca Zahn. Hallmayer ist Gründungsmitglied des „Lindenhofs“, Schauspieler, Regisseur und jetzt auch Intendant. Luca Zahn, der „zweite“ Kohlhaas, ist sein Sohn und spielte damals 2010 als frischgebackener Abiturient seine erste Hauptrolle. Nach Kirchheim kommt er jetzt als ausgebildeter Schauspieler und Ensemblemitglied des Pfalztheaters Kaiserslautern. Dazu noch der Regisseur: Antú Romero Nunes hat südamerikanische Eltern, ist aber in Tübingen aufgewachsen und hat im nahen „Lindenhof“ seine ersten Theatererfahrungen gesammelt. 2010 bekam er den Nachwuchspreis für Regie. Heute ist er auf großen Schauspiel- und Opernbühnen ein gefragter Mann.

Also alles andere als provinzielles Theater war zu erwarten. Da überraschte der Eindruck der Einfachheit: eine leere Bühne und zwei Schauspieler. Sie beginnen zu erzählen, beginnen mit dem berühmten Einleitungssatz Kleists, und da wird die Rollenverteilung klar. Der Jüngere erzählt von Kohlhaas als „Muster eines guten Staatsbürgers“, seinem „Rechtsgefühl“, der Ältere vom „Entsetzlichen“: „Das Rechtsgefühl machte ihn zum Räuber und Mörder“.

Der Jurist Kleist ringt also in seiner Erzählung mit der Frage, ob man, um Gerechtigkeit zu erlangen, jedes Mittel einsetzen darf. Die beiden Positionen sind jetzt in der Theaterfassung sehr schlüssig durch zwei Bühnenfiguren konkretisiert. Die beiden Schauspieler machen keinen Hehl daraus, dass sie „nur“ Schauspieler sind. Der ältere schlüpft auch in verschiedene Rollen, spielt Ehefrau Lisbeth, Knecht Herse oder Luther. Diese Theatereinlagen geschehen punktuell und werden mit minimalem Aufwand betrieben.

Abgesehen von einigen notwendigen Handlungsüberleitungen bleibt Kleists Text die Grundlage. Und das ist gut so. Der Erzähltext hätte schon die Grundlage für ein fünfaktiges Drama bieten können, und auch in der Kleinstruktur finden sich wortgewaltige dramatische Dialoge. Außerdem gibt der Dramatiker Kleist im Erzähltext immer wieder „Regiebemerkungen“. Aber auch der reine Erzählfluss bietet angesichts der charakteristischen Prosa eine dauerhaft spannende Dynamik.

Das Recht hat gesiegt

Die versierten Theaterleute vom „Lindenhof“ wissen natürlich noch, Theatermittel einzusetzen. Wenn sie aus der Rolle fallen, nehmen sie Kontakt zum Publikum auf, stellen Fragen, stellen aktuelle Bezüge her. Licht, Ton und Musik kommen spürbar in Einsatz, auch eine Nebelmaschine, besonders eindrücklich am Schluss. Das Rechtsproblem des Kohlhaas wird allgemein nicht gelöst, doch die beiden Schauspieler mimen im Nebel die zwei „dickgefütterten“ Rappen, die sich wohlig aneinander reiben: Das Recht hat gesiegt. Kohlhaas kann jetzt beruhigt sterben.

Zwei Schauspieler, eine leere Bühne, eine Erzählung Kleists - herausgekommen sind fünfundachtzig Minuten spannendes Theater und entsprechender Beifall.

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