Kirchheim

Kommentar: Damit lässt sich leben

Lange genug wurde in Kirchheim gerungen, welches Gesicht ein zentraler Platz - wahrscheinlich sogar der zentrale Platz schlechthin - in Zukunft haben soll. Es ging um den Marktplatz und den Neubau des Restaurants Waldhorn. Bewahrer des Alten sind auf Verfechter des radikal Neuen gestoßen, und nicht nur das: Beide Sichtweisen sind bei der jeweils anderen Seite auf Unverständnis gestoßen.

Was nun gerade entsteht, ist ein tragfähiger Kompromiss, der langfristig alle an der Diskussion Beteiligten zufriedenstellen sollte: Dachstuhl und Tragkonstruktion sind aus Holz. Der Schaugiebel zum offenen Platz hin erhält zudem noch ein Blendfachwerk. Das tut der Ensemblewirkung auf jeden Fall gut.

Trotzdem wird sich der neue Baukörper deutlich genug von der Umgebungsbebauung abheben. Jeder wird ihm ansehen, dass er nicht aus der Zeit des Wiederaufbaus nach dem Stadtbrand von 1690 stammt. Aber das schadet nichts. Es ging ja auch gar nicht darum, ein über 300 Jahre altes Haus möglichst exakt nachzubauen. Allerdings sollte auch kein Betonklotz entstehen, der zum vorhandenen Ensemble allenfalls wie die Faust aufs Auge gepasst hätte.

Genau das wird jetzt erfüllt: Gebaut wird ein modernes Fachwerkhaus. Es verfügt zwar nicht über die Schrägstreben, die für das hiesige Fachwerk charakteristisch sind. Auch sind die hohen Fenster im Obergeschoss weitaus größer dimensioniert als im historischen Kontext. Aber auch die einzelnen Fensterscheiben bleiben jeweils von Fachwerk umrahmt und fügen sich somit spielerisch ein. Tatsächlich wird eingehalten, was Investor Robert Ruthenberg vor zwei Jahren versprochen hatte - als klar war, dass sich das alte Gebäude nicht mehr halten lässt: „Das gibt einen ehrlichen Holzbau.“

Die Kirchheimer würden ohnehin mit jedem Bau leben müssen. Aber mit diesem Bau werden sie auch leben können. Andreas Volz

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