Kirchheim

Ehrlichkeit statt EuphemismusKommentar

Wenn die Stimmung aufgeheizt ist, geht es darum, Dampf aus dem Kessel zu nehmen, zu deeskalieren, zu beschwichtigen. Das alles klingt gut und ist auch gut gedacht. Man kann es aber auch anders nennen: schönreden, euphemistisch verbrämen.

Genau so ist das mit der Frage, ob die Stadt Kirchheim auf nahezu allen erdenklichen freien Grünflächen nun Gebäude für Flüchtlinge erstellt oder für Obdachlose. Rein rechtlich ergibt sich die Sachlage tatsächlich aus der kommunalen Unterbringungspflicht für Obdachlose. Weil Flüchtlinge in dem Moment, in dem sie anerkannt oder zumindest geduldet sind, rechtlich zu Obdachlosen werden, muss sich die jeweilige Kommune, die diese Flüchtlinge zur Anschlussunterbringung zugeteilt bekommt, den entsprechenden Wohnraum bereitstellen – egal wie. Und weil der Markt nicht genügend Wohnungen hergibt, muss die Stadt eben selbst bauen.

Diese Zwangslage gilt es zu vermitteln. Und zwar ehrlich. Wenn da aber nicht von „Flüchtlingen“ die Rede ist, sondern speziell von „Neubürgern“ oder allgemein von „Obdachlosen“, dann ist das eine Form der Augenwischerei, die beschwichtigend wirken soll: Wir bauen doch nur für die vielen Obdachlosen in unserer Stadt, für die neuen Bürger, die eben noch nicht so gut situiert sind wie die – ja was denn: „Altbürger“?

Viel Unmut in der Bevölkerung entsteht aus dem Gefühl heraus, „angelogen“ und dadurch für dumm verkauft zu werden. Die vermeintliche Beschwichtigung von offizieller Seite wirkt deshalb kontraproduktiv. Statt Druck aus dem Kessel zu nehmen, heizt sie die Stimmung noch mehr auf. Ehrlichkeit wäre besser. Einzelne Stadträte haben das jetzt immerhin erkannt.    ANDREAS VOLZ

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