Kirchheim

Kurze, aber fröhliche Geburtstagsfeier

Gottesdienst Da war Abstandhalten kein Problem: Die Kirchheimer Martinskirche fasst 900 Menschen, den evangelischen Gottesdienst am Pfingstsonntag feierten 35 Teilnehmer. Von Peter Dietrich

Die Zahl der Gottesdienstbesucher am Pfingstsonntag in der Kirchheimer Martinskirche war überschaubar, Mundschutz keine Pflicht.
Die Zahl der Gottesdienstbesucher am Pfingstsonntag in der Kirchheimer Martinskirche war überschaubar, Mundschutz keine Pflicht. Fotos: Peter Dietrich

Gespanntes Warten: Wird sich das, was da unter Corona-Bedingungen gefeiert wird, wohl noch nach einem Gottesdienst anfühlen? Oder wird es ähnlich wie beim Beachvolleyball sein, für den vom Sportverband derart irrsinnige Übergangsregeln kamen, dass man es besser noch eine Weile ganz sein ließe? Bei diesem Sport gilt in Baden-Württemberg ebenfalls die Abstandsregel von eineinhalb Meter. Die Antwort: Ja und Nein, denn dem Gottesdienst geht es in der Summe besser als dem Ballspiel, trotz schmerzhafter Einschränkungen.

Platz gab es bei weitem genug: Die Martinskirche fasst 900 Menschen, zum Gottesdienst waren 35 gekommen. Am Sonntag vor Pfingsten waren es immerhin 64 gewesen. Der Abstand ergab sich durch die gleichmäßig in den Kirchenbänken verteilten Sitzkissen, bei jedem Kissen lag ein ausgedrucktes Textblatt. Auf der einen Seite enthielt es den Psalm, der gemeinsam gebetet wurde, auf der Rückseite zwei Liedtexte. Nicht zum selbst mitsingen, das war wegen der Aerosole nicht erlaubt, sondern zum Mitlesen beim Gesang von Bezirkskantor Ralf Sach, Heike Wagner und Sofia Neroladakis. Die drei sangen sehr schön, der Bezirkskantor spielte dazu auf der Truhenorgel. Zusätzlich sang das Trio zwei Werke von Johann Sebastian Bach und Christoph Willibald Gluck, beide aus dem Chor der Kirche und a cappella. Dabei wurde die wunderbare Akustik der Martinskirche deutlich. Die beiden Sängerinnen kommen aus dem Kammerchor. Dort gebe es ein regelrechtes Gedränge, wer im Gottesdienst singen dürfe, sagt Ralf Sach und weiter: „Die wollen alle.“ Ihm selbst gefällt diese Art von limitiertem Auftritt. „Ich mag das Ensemblemusizieren in kleinen Gruppen sehr.“

Am Kircheneingang gab es einen Desinfektionsspender, der Erhebungsbogen mit den Namen war entfallen. „Es hat überall Kameras und das BKA hört mit“, meinte ein Kirchgänger mit so einem Grinsen, dass es klar als Scherz erkennbar war. Der Mundschutz war empfohlen, aber nicht verpflichtend. Das Gesangbuch wurde durch die Liedblätter nicht benötigt, auch das diente der Hygiene.

Die Liturgie ist derzeit angepasst: So wird das „Ehre sei dem Vater“, das sonst nach dem Psalmgebet gemeinsam gesungen wird, stattdessen gesprochen. Die Liturgie ist auch deutlich verkürzt, der Gottesdienst war schon nach 45 Minuten zu Ende. So konnte Vikar Thorben Haase mit nur einer Stunde Abstand zwei Gottesdienste hintereinander abhalten: zuerst in der Auferstehungskirche, dann in der Martinskirche. Begleitet wurde er von Pfarrer Axel Rickelt, dem es wichtig war, zu sehen, wie das der auszubildende Vikar macht. „Wir feiern an Pfingsten den Geburtstag der Kirche“, begrüßte dieser die Gemeinde. In seiner Predigt sprach Thorben Haase über die verschiedenen Arten von Begeisterung. Von der Begeisterung über Hobbys und Produkte lebten ganze Industrien. Die Geschichte von Pfingsten sei eine Mutmachgeschichte, eine Geschichte von Aufbruch, Bewegung und Veränderung. Seiner württembergischen Landeskirche wünschte der Vikar deshalb „mehr Begeisterung als Verwaltung“. Er finde es spannend, sagte er nach dem Gottesdienst, neu über Gemeinschaft nachzudenken: „Was bleibt, wenn man sich nicht treffen darf?“

Was Pfarrer Axel Rickelt derzeit am meisten vermisst, ist für ihn eindeutig: „Das gemeinsame Singen, das ist ein großer Verlust. Es fehlt ein Stück der Sinnlichkeit in den Gottesdiensten.“ Vorne wird gesungen, man hat das Textblatt dazu in den Händen, zuckt es da innerlich, mitzusingen? Ja, er bestätigt das. Wenn man nicht wie gewohnt zusammenkommen könne, müsse die Begeisterung nun viel mehr von innen kommen, sagt er. „Das gelingt am besten durch einzelne Menschen. Ich habe gemerkt, wie wichtig mir einzelne Menschen sind. Ich habe Zuspruch von Bekannten und Unbekannten erfahren.“ Viele würden gerne beim Feiern dabei sein, kämen aus gesundheitlicher Vorsicht nicht: Anwesenheit und Begeisterung seien zweierlei Dinge.

Info Außerhalb von Gottesdiensten ist die Martinskirche tagsüber von 9 bis 17 Uhr zur Besichtigung und für eine Andacht geöffnet. Die Anwesenheit ist auf höchstens fünf Personen begrenzt. Das empfand ein Besucher angesichts der großen Kirche dann doch als übervorsichtig.

Pfingstgottesdienst in der Martinskirche mit 35 Teilnehmern - Vikar Thorben Haase bei der Predigt
Pfingstgottesdienst in der Martinskirche mit 35 Teilnehmern - Vikar Thorben Haase bei der Predigt

Die Sehnsucht nach dem Singen ist groß

Pfarrer Franz Keil
Pfarrer Franz Keil

Von großer Vorsicht berichtet auch der katholische Pfarrer Franz Keil in Kirchheim: „Ältere Leute haben Angst.“ In diese Beobachtung mischt sich deutliche Kritik: „Angstmache muss nicht sein.“ Er freut sich aber auch. „Es ist schön, dass wir wieder in die Kirche dürfen“, sagt er. Die von der Diözese angeordnete Voranmeldung bis Freitagabend zum Gottesdienst, die es so auf evangelischer Seite nicht gibt, empfindet er jedoch als „eher etwas lästig“.

Franz Keil weiß von Katholiken, für die es „ohne Eucharistie kein Sonntag ist“, die also eine Eucharistie irgendwo auswärts der aktuellen Wort-Gottes-Feier ohne Eucharistie in Kirchheim vorziehen. „Ja, ich weiß, dass Menschen so erzogen wurden, aber ich finde das nicht“, erklärt der Pfarrer.

Auch Franz Keil vermisst den gemeinsamen Gesang: „Man darf nicht singen, da merkt man, wie wesentlich das Singen ist.“ Der Pfarrer kämpft auch noch mit anderen Einschränkungen: Natürlich würde die Stadtkapelle gerne an Fronleichnam spielen. „Das geht vielleicht mit einem einzigen Bläser mit zwölf Metern Abstand. Aber das ist besser, als wenn etwas passiert.“ pd

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