Kirchheim

Leben mit dem Grünschnitt-Terror

Protest Der Sammelplatz in der Saarstraße stellt mit 8000 Anlieferungen pro Monat in Spitzenzeiten die Anwohner seit Jahren auf eine harte Probe. Jetzt setzt Corona noch eins drauf. Von Bernd Köble

An der Grünschnitt-Sammelstelle ist derzeit Blockabfertigung angesagt: Foto. Carsten Riedl
An der Grünschnitt-Sammelstelle ist derzeit Blockabfertigung angesagt: Foto. Carsten Riedl

Stoßstange an Stoßstange quält sich die Blechschlange an parkenden Autos vorbei. Kombis, Kleinlaster, Fahrzeuge mit Anhängern. Wer mitdenkt, schaltet den Motor ab. Viele lassen ihn einfach laufen. Ab und an ertönt ein Hupen - es geht halt nichts voran. Ein ganz normaler Samstag in der Kirchheimer Saarstraße, wo viele Bewohner versuchen, sich mit einem Konflikt zu arrangieren, für den es seit vielen Jahren keine Lösung gibt.

Der Grünschnitt-Sammelplatz des Landkreises läge eigentlich ideal: Nah bei den Kunden, am Rande der Stadt, auf befestigtem Grund. Wäre da nicht die einzige Zufahrt, die über eine lange Stichstraße mitten durchs Wohngebiet führt. Dadurch kommt es an stark frequentierten Tagen zu abenteuerlichen Szenen. Die Nerven liegen blank - bei Anwohnern und Anlieferern gleichermaßen.

Wer geglaubt hatte, schlimmer könne es kaum kommen, hat in diesen Tagen Gelegenheit, seinen Erfahrungsschatz zu erweitern. Die neue Häuslichkeit in Corona-Zeiten und anhaltend schönes Wetter pünktlich zur Pflanzsaison machen Kleingärtner und Gütlesbesitzer mobil. Hinzu kommt: An der Pforte zum grünen Abfallreich gibt es seit Wochen Blockabfertigung, damit sich Kunden beim Ausladen nicht zu nahe kommen. Die Folge: noch längere Wartezeiten und noch längere Staus. Dabei verzeichnet die Sammelstelle in der Saarstraße schon zu normalen Zeiten in der Hochsaison bis zu 8 000 Anlieferungen pro Monat. Gemessen an 19 Betriebsstunden an vier Tagen in der Woche sind das mehr als hundert pro Stunde.

An besonders stark frequentierten Tagen scheint die Blechschlange kein Ende zu nehmen. Dann kommt es schon mal zum Wortgefecht z
An besonders stark frequentierten Tagen scheint die Blechschlange kein Ende zu nehmen. Dann kommt es schon mal zum Wortgefecht zwischen Anlieferern und entnervten Anwohnern. Foto: Jean-Luc Jacques

„Als die Kinder klein waren, war Rausgehen zu diesen Zeiten tabu“, sagt Iris Gruber, die das Problem als Anwohnerin seit vielen Jahren kennt. In der Familie hat die Grünschnitt-Rallye trotz aller Vorsicht bereits ein Opfer gefordert: Das Kätzchen der Kinder hat das Verkehrschaos vor der Tür nicht überlebt. „Mit dem Auto einkaufen gehen wir nur noch, wenn der Sammelplatz geschlossen hat“, sagt sie. „Man kommt zwar raus, aber anschließend nicht mehr heim.“ An die fehlende Rettungsgasse will sie gar nicht denken.

Seit 1987 in Betrieb

Als die Einrichtung in der Saarstraße 1987 in Betrieb ging, waren die nächstgelegenen Häuser noch ein Stück weiter entfernt als heute. Damals hieß Kirchheims Oberbürgermeister Peter Jakob. Seit März sitzt Pascal Bader im Chefsessel im Kirchheimer Rathaus. Als früherer Bewohner in der benachbarten Wilhelmstraße kennt er das Problem aus eigener Erfahrung. Schönreden will Bader nichts: „Die Belastung ist enorm“, sagt er. Eine Lösung hat allerdings auch er nicht zur Hand, zumindest keine schnelle. Eine Zufahrt von Westen über die Ötlinger Halde gilt seit Jahren als buchstäblich einziger Ausweg. Doch den blockiert die schleppende Erschließung des Gewerbegebiets „In der Au“, wo sich Stadt und Landkreis beim Hochwaserschutz nicht einig werden. Ohne Straßen, keine Zufahrt. „Bis dort alles fertig ist, kann es dauern“, sagt Bader. „Eine feste Jahreszahl kann im Moment niemand nennen.“

Eine Schließung der Grünschnittsammelstelle kommt für den Landkreis nicht infrage, auch wenn es in Kirchheim beim Kompostwerk in Autobahnnähe eine zweite Adresse gibt, wo man Gartenabfälle loswerden kann. Was einmal dicht ist, kommt in der Regel nicht wieder. Neue Flächen sind knapp, die Auflagen streng. „Wenn uns die Stadt einen alternativen Standort anbietet, gehen wir mit“, stellt Manfred Kopp, der Geschäftsführer des Esslinger Abfallwirtschaftsbetriebes (AWB), klar. Doch den gibt es nicht. Zudem kennt Kopp das Dilemma: „Jeder will Recyclinghöfe möglichst in der Nähe, aber keiner in direkter Nachbarschaft.“ Dass Corona die Lage verschärft, gilt zurzeit für alle Entsorgungseinrichtungen im Kreis. „Ohne Blockabfertigung geht es im Moment nun mal nicht“, sagt der AWB-Chef. Zwischen drei und fünf Anlieferern, je nach Größe der Einrichtung, dürfen gleichzeitig aufs Gelände. Das führe fast überall zu Wartezeiten und langen Staus. Dass im Moment mehr Menschen das Angebot nutzen, trägt seinen Teil dazu bei. „Die Leute haben Zeit, und das Wetter ist gut“, meint Kopp. Seine Hoffnung: dass sich die Situation entspannt, wenn die großen Unternehmen den Betrieb hochfahren und wieder mehr Menschen bei der Arbeit sind.

Pascal Bader hat inzwischen angekündigt, er wolle dennoch das Gespräch mit dem Abfallwirtschaftsbetrieb suchen. „Vielleicht findet sich ja doch irgendeine Lösung, die kurzfristig wirkt“, meint Kirchheims OB. Bis dahin gilt für die Bewohner in der Saarstraße: tief durchatmen und Kinder an die Leine.

Biomasse als Heizmaterial

Verholzte Grünabfälle dürfen grundsätzlich in die Biotonne. Größere Mengen bis zu zwei Kubikmeter und dickeres Material nehmen die insgesamt 35 Grünschnitt-Sammelplätze und neun Kompostierungsanlagen an, die über den gesamten Landkreis verteilt sind.

Aus dem Material, das eingesammelt wird, entstehen hauptsächlich Holzhackschnitzel, die zum Heizen verwendet werden. Ein kleinerer Teil wird im Kirchheimer Kompostwerk als Strukturmaterial bei der Komposterzeugung dem Biomüll beigemischt.bk

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