Kirchheim

Lehrer wirbeln für die Schulmusik

Schule Die Ankündigung des Kultusministeriums, auch im kommenden Schuljahr das Singen in geschlossenen Räumen und das Musizieren mit Blasinstrumenten zu untersagen, stößt auf Widerstand. Von Anke Kirsammer

Die Bigband des Ludwig-Uhland-Gymnasiums unter Leitung von Daniel Bucher ist aus dem Schulleben nicht wegzudenken. Nach dem Konz
Die Bigband des Ludwig-Uhland-Gymnasiums unter Leitung von Daniel Bucher ist aus dem Schulleben nicht wegzudenken. Nach dem Konzept von Kultusministerin Susanne Eisenmann sind Proben und Auftritte im kommenden Schuljahr aber undenkbar. Archivfoto: Markus Brändli

Präsenzunterricht auch an weiterführenden Schulen ja, doch sollen die Möglichkeiten im Musikunterricht drastisch eingeschränkt sein: Das Konzept von Kultusminis­terin Susanne Eisenmann für das nächs­te Schuljahr erlaubt weder Singen in geschlossenen Räumen noch die Verwendung von Blasinstrumenten. Der kurze Passus in dem elfseitigen Papier sorgt bei Musiklehrern für mächtig Wirbel. Inzwischen werden deshalb für zwei Petitionen Unterschriften gesammelt. Für den morgigen Mittwoch sind landesweit Demonstrationen geplant, in denen lautstark zum Protest geblasen wird.

Das Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium trifft die Regelung besonders hart: Bigband, Junior Band, Sinfonieorchester, Jazz/Rock-Combo und die verschiedenen Chöre könnten im kommenden Schuljahr nicht proben. „Wir Schulmusiker wollen unseren Beitrag zur Eindämmung der Pandemie leisten“, betont Daniel Bucher, der Leiter sämtlicher Bläsergruppen am LUG, und er stellt klar: „Wir sind keine Revoluzzer.“ Auf Vereinsebene dürfen Bläser mit Hygienekonzepten arbeiten, an Schulen soll das hingegen nicht möglich sein. Ebenfalls weitgehend tabu ist jahrgangsübergreifendes Arbeiten an den Schulen. Das alles ist für Daniel Bucher nicht nachvollziehbar. In Sportvereinen seien schon jetzt zusammengewürfelte Gruppen erlaubt. „Das passt für mich nicht zusammen, sondern erscheint mir sehr willkürlich.“

Dass das Land eine Fürsorgepflicht hat, steht für den Lehrer außer Frage. Er sieht aber Wege, wie gemeinsames Musizieren auch unter Pandemie-Bedingungen möglich wäre: „Wir haben einen gro­ßen Raum. Dort könnten wir Plätze abkleben und ihn gut lüften“, sagt der Fachschaftsleiter für Musik. Auch könnte er sich vorstellen, jahrgangsmäßig oder in kleineren Gruppen zu proben. „Das wäre alles kein Problem. Wir müssten wenigstens die Chance bekommen, ein Hygienekonzept zu erarbeiten.“ Diese Woche wollen die Musiklehrer mit der Schulleitung überlegen, was unter den derzeitigen Vorgaben machbar wäre. „Wir könnten uns sogar vorstellen, bei gutem Wetter Proben ins Freie zu verlegen“, sagt Daniel Bucher. Selbst das Singen mit Maske hält er grundsätzlich für möglich. Erfahrungen, die Schüler mit ihrer Stimme oder einem Instrument - im Idealfall auf der Bühne - sammeln würden, trügen enorm zu ihrer Persönlichkeitsbildung bei. Außerdem habe gemeinsames Musizieren auch eine soziale Komponente. Die Schüler lernten, anders als etwa im Ma­the­unterricht, wo jeder für sich arbeite, aufeinander zu reagieren und gemeinsam Projekte auf die Beine zu stellen. Sollte die Bigband weiterhin nicht proben dürfen, ist auch fürs nächste Jahr der Austausch mit der englischen Partnerband aus Up Holland infrage gestellt. Schon diesen Sommer musste der Besuch gecancelt werden.

Für Clemens Großmann, Rektor an der Kirchheimer Freihof-Realschule, ist es nicht stimmig, wenn nebenan in der Musikschule wieder Bläserunterricht stattfinden kann, er in der Schule aber verboten ist. „Ich versuche gerade, mit dem Schulamt Kontakt aufzunehmen, um die Frage zu klären, was die Vorgaben für uns bedeuten.“ Für die Fünfer und Sechser gibt es an der Realschule Bläserklassen. Wer Spaß daran hat, steigt ab der siebten Klasse jahrgangsübergreifend bei den Big Bandits ein. Einzelunterricht nehmen die Schüler bei Lehrern der Musikschule oder der Stadtkapelle. „Wenn kein gemeinsames Musizieren möglich ist, läuft das dem ganzen Konzept zuwider“, sagt Clemens Großmann. Fraglich ist für ihn auch, wie es mit der erst dieses Schuljahr eingerichteten Gesangsklasse weitergeht. Der Musiksaal sei im Übrigen groß genug, um den Abstand von anderthalb Metern einzuhalten.

Notfalls wird draußen gesungen

„Fragen über Fragen“ hat auch Volker Blankenhorn, der das Amt des Schulleiters an der Kirchheimer Alleenschule von September an kommissarisch übernimmt. Die Verordnung des Ministeriums greift dort nicht nur in den Ganztagsbereich ein, auch der Grundschulchor fällt flach, weil an Grundschulen das Singen in geschlossenen Räumen ebenfalls nicht erlaubt ist. „Die Regelung wirkt aber genauso in den Unterricht an der Werkrealschule rein“, erklärt er. „Gesang gehört für mich auch im Englisch-, Religions- und Deutschunterricht dazu.“ Im Projekt mit der Musikschule spielen die Schüler Geige, Keyboard, Gitarre und E-Bass - Instrumente, die nicht untersagt sind. Ein Problem sind jedoch die gemischten Gruppen. Noch gebe es keine konkreten Lösungen, Volker Blankenhorn ist aber zuversichtlich, dass sich ein Weg findet: „Die Schüler müssten wir dann nach Jahrgängen oder in Blöcken unterrichten.“

Melanie Amann, Rektorin der Unterlenninger Lindenschule, hält Singen für so wichtig, dass sie beispielsweise bei der Einschulungsfeier nicht darauf verzichten will. „Dann gehen wir zum Singen eben nach draußen“, so lautet ihre Idee.

Ein offener Brief und zwei Petitionen wollen das Konzept kippen

Das Konzept des Kultusministeriums Baden-Württemberg für das Schuljahr 2020/21 für die weiterführenden Schulen sieht die Öffnung vor. Ziel ist so viel Präsenzunterricht wie möglich. An die Stelle des Abstandsgebots tritt die Bildung möglichst konstanter Gruppen. Jahrgangsübergreifende Gruppen sind grundsätzlich nicht möglich. Ausnahmen bilden Klassen, in denen Jahrgänge bereits gemischt sind, genauso die gymnasiale Oberstufe. Singen in geschlossenen Räumen ist ausgeschlossen, dies gilt auch für die Verwendung von Blasinstrumenten.

Die Dachverbände der Musik im Land sehen diese Verordnung als „Shutdown“ für die Chor- und Ensemblearbeit. Der Landesmusikrat Baden-Württemberg hat einen offenen Brief an die Ministerin gerichtet. Der Verlust gewachsener Stimm- und Klangkultur wäre erheblich, heißt es darin. Gefährdet seien auch unzählige, vom Land geförderte Verbindungen von Schule und Vereinen. Wenn musikpraktische Anteile fast ganz eliminiert seien, könne der Lehrplan nicht erfüllt werden. Gefordert wird, die Maßnahmen zu überdenken, zudem verweist der Brief auf Lösungen in Bayern und Rheinland-Pfalz.

Zwei Petitionen reagieren auf das Verbot von Singen und Musizieren an Schulen: Unter dem Titel „Rettet die Schulmusik“ hat der Landesverband Baden-Würt­temberg im Bundesverband Musikunterricht bis gestern landesweit rund 14 000 Unterschriften gesammelt. Eine Initiative für den Erhalt von AGs und das Musizieren an Schulen, die von einem Lehrer eines Pforz­heimer Gymnasiums angestoßen worden war, hatte in Baden-Württemberg zum gleichen Zeitpunkt mehr als 8500 Unterstützer. Für ein Quorum werden je 21 000 Unterschriften benötigt.ank

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