Kirchheim

Leidenschaftliches Plädoyer für Europa - Szenen einer Flucht

Kultur Die Theater-Performance „Nach Europa“ kam in der Johanneskirche sehr gut an. Ein Jubiläums-Lichtblick des Gemeindehauses Nabern. Von Sabine Ackermann

Das Land ist zu fünfzig Prozent entvölkert, Hilfssendungen werden immer unnötiger, die karitativen Organisationen fahren ihre Lieferungen zurück. Die europäischen Grenzen müssen dichtgemacht werden, melden zu Beginn zwei Kommandanten.

Tiefblaues Licht, Motorengeräusche. Es scheint, als befinde sich ein Hubschrauber über dem Meer, schließlich dreht er ab. „Hilfe, hilf mir“, erklingt eine Stimme, danach ertönt Musik. In und zwischen den Laserstrahlen jeglicher Couleur erkennt man schemenhaft zwei Männer in einer Art Gerippe aus Holz. Einer (Christ) und ein anderer (Moslem) im selben Boot - auf dem Wasserweg nach Europa, beide in Todesnot.

Kann man eine Geschichte, die Szenen eines Theaterstücks beurteilen, kritisieren oder für gut befinden, die man nicht wirklich bildhaft gesehen, sondern größtenteils nur gehört hat? Ja, wenn man sie so rezitiert wie „Eure Formation“ - dahinter stecken Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach. Zwei Mimen, die es schaffen, dass man ihre mit glühender Intensität gesprochenen Worte verinnerlicht, sich in ihre prekäre Lage reinversetzt. „Ein Theaterstück auf dem Weg nach Europa“, nach einer Vorlage von Uwe Hoppe, heißt diese besondere Performance in der Johanneskirche Nabern. Und weil es da um „Menschen“ geht, bleiben die zwei Männer bewusst namenlos, heißen weder Muhammad noch Maximilian.

Sie können nur überleben im gegenseitigen Miteinander - und das gestaltet sich mal besonnen, eingängig, verstehend, mal aggressiv, bösartig, zynisch. „Wohin betest du?“, fragt der eine, und der andere antwortet ihm: „Gott ist nicht ortsgebunden.“ Dann kommt Sturm auf, er wird stärker, und bei beiden machen sich Angst, Wut und Trauer breit. „Ich will leben“, schreit der Christ, und der Muslim sagt fast wie zu sich selbst: „Es ist Folter, sie stechen dir die Augen raus, schneiden dir die Zunge ab - ich weiß es, denn ich habe es selbst getan.“

Passagen, die einen nicht kaltlassen. Es ist still in der Johanneskirche, nur ab und zu hört man ein Räuspern, ein Knarren der Kirchenbank, oder es hustet jemand verhalten in die Hand. Nur nicht auffallen, leise sein, man traut sich kaum zu atmen. Beklemmung macht sich breit. „Jungfrauen werden ausprobiert, geschwängert, die frisch geborenen Mädchen entsorgt“, tönt es, und auch diese Worte werden erwidert: „Du kannst deinen Glauben leben, gerade im freien Europa, dass da Ficken möglich ist, lernen nur die Christen.“ Wer ist besser, gerechter, überlegener? „Du christliches Arschloch, du gehst mir auf den Sack“, echauffiert sich der Muslim, und der Christ kontert: „Du muslimischer Unmensch.“ Dann merken sie, dass das Meer leergefischt ist, treffen auf Schildkröten, Delfine und Wasser im Boot. „Rede nicht, schöpf“, fordert der Christ den Moslem auf. „Ich bring dich um“, schreit dieser. „Später, jetzt schöpf“, erwidert der Christ unbeeindruckt. In einer Sternennacht fährt ein Kreuzfahrtschiff vorbei, Essen fliegt über Bord. „Da, eine Milchschnitte“, ruft der Christ, und der Muslim meint angewidert: „Ich will nicht den Abfall von Europa.“

Meist im Dunklen bauen sie die losen Holzteile um, ab und an ist das aus Buchstaben geformte Wort „Europa“ zu lesen. Das Licht der Laser schafft virtuelle Räume und eröffnet zu jeder Szene ungewohnte Perspektiven. Kleidung, Requisiten, Mimik und Gestik sind reduziert. So bleibt stets Raum für die herausfordernden Inhalte des Stückes. „Du bist mein Feind, und ich bin dein Feind. Dein Gott, mein Gott, der selbige eine“, sagt wer?

Mit „Nach Europa“ treffen die Produzenten den Nerv der Zeit und nehmen die Zuschauer mit auf eine spannende Expedition in die europäische Geschichte und Gegenwart. Das Stück liefert eine Bestandsaufnahme des Zeitgeschehens und thematisiert die Flüchtlingsfrage, die Europa spaltet und zur Erosion der Demokratie beiträgt. Die Theaterinszenierung ist auch ein leidenschaftliches Plädoyer für Europa als welthistorisches Friedensprojekt - mit aufklärerischer Mission. „Ein schweres Thema, das sehr gut rüberkommt“, findet Johanna Hinger, die mit 13 Jahren die einzige Jugendliche unter den Zuschauern ist. Pfarrer Paul Bosler habe im Konfirmandenunterricht auf das Stück aufmerksam gemacht, dort seien die Flüchtlinge gleichfalls ein Thema, verrät der interessierte Teenager aus Nabern.

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