Kirchheim

„Leider ... ich ... überhaupt ...!“

Randnotiz von Thomas Zapp

Thomas Zapp
Thomas Zapp

Bio und Chemie waren meine Horrorfächer und trieben mir als Pennäler regelmäßig den Angstschweiß auf die Stirn: Denn da drohte zu Beginn eine Stundenwiederholung. Wehe dem, der nichts vorbereitet hatte. Für den gab es nicht nur eine schlechte Note, sondern auch böse Kommentare der jeweiligen ­Lehrer. Dieselben nahmen einen auch dran, wenn man sich längere Zeit und aus gutem Grund - ­nämlich totale Ahnungslosigkeit - nicht gemeldet hatte. Meistens folgten darauf böse Sprüche. So böse, dass Schüler heutzutage einen Anwalt oder die Schulsozialarbeiterin einschalten würden, aber wir als Kinder der frühen 80er „kannten das ja gar nicht“.

Was wir auch nicht ­kannten und nicht einmal im entferntesten vorausahnten, war ­dieses seltsame, alle Lebensbereiche beherrschende Virus, das unter anderem das Phänomen des „Online-Unterrichts“ hervorbrachte. Und dessen Wahrnehmung ist tatsächlich sehr unterschiedlich. Von der heutigen Elterngeneration viel gescholten, erfreut er sich unter einigen Schülern offenbar immer größerer Beliebtheit. Vor ein paar Tagen erfuhr ich auch, wie gewitzt der Nachwuchs seine Bedürfnisse an die neuen Gegebenheiten anzupassen und die neuen, digitalen Möglichkeiten zu nutzen weiß.

Ist es im „analogen“ Unterricht aus naheliegenden ­Gründen selbst den begabtesten Schauspielerinnen und Schauspielern schwierig bis unmöglich, eine akute Heiserkeit vorzutäuschen, bietet der PC ein anderes „Feature“. Unser ältester Sohn, 13, erzählte mir, was eine Mitschülerin im „Teams-Chat“ machte, als sie plötzlich von der Lehrerin drangenommen wurde und offenbar die Antwort nicht wusste: Sie gab eine Tonstörung vor. Dafür musste sie nicht einmal abgehackt sprechen, sondern teilte kurzerhand im Klassenchat mit: „Mein Mikro funktioniert nicht“. Da man das Gesicht dazu nicht sieht - um die Verbindung nicht zu überlasten, ist nur die Lehrerin per Video zugeschaltet -, musste sie nicht einmal ihr Grinsen unterdrücken. Sie war ja unsichtbar. Wie von Zauberhand war das technische Problem keine 15 Minuten später behoben, wenn Schüler oder Schülerin dann doch einmal eine Antwort weiß. Nicht nur mein Sohn dachte spontan: „War das vorher vielleicht gar nicht …?“ oder wie es in Jugendsprech übersetzt heißt: „Als ob!“ Nun denn: Beweise ihr einer mal das Gegenteil!

Aber ich sehe das durchaus positiv, denn der Lerneffekt liegt ja auf der Hand: Mit dieser Technik kann man sich später im Berufsleben auch in „extrem wichtigen Telkos“ vor der Blamage retten. Da sage noch einer, die Schule bereite die Kinder nicht auf die digitale Revolution vor.

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