Kirchheim

Licht und Schatten erzählen vom Leben

Schattentheater Mit „Siddhartha. Eine indische Dichtung“ von Hermann Hesse haucht das Theater der Dämmerung Scherenschnittfiguren Leben ein und verzaubert das Publikum in der Bastion. Von Elisabeth Kanski

Siddhartha entdeckt die Schönheit der Welt und begeistert damit die Zuschauer in der Bastion.Foto: Markus Brändli
Siddhartha entdeckt die Schönheit der Welt und begeistert damit die Zuschauer in der Bastion.Foto: Markus Brändli

Das Licht in der Bastion geht aus, alle verstummen erwartungsvoll. Leise, asiatisch anmutende Musik versetzt das Publikum und das Bühnenbild, eine stilisierte Flusslandschaft, nach Indien. Sofort ziehen die Schatten der großen Scherenschnittfiguren die Zuschauer in ihren Bann. Mit feinfühligen Bewegungen, Musik und Rezitation erwecken die Puppenspieler Friedrich Raad und Dimitri Lermann ihre filigranen Schattenfiguren zum Leben.

Das Theater der Dämmerung ist in Kirchheim keineswegs unbekannt. Erst im März spielte der Regisseur und Sprecher Raad mit seinem Team in der Bastion vor Schülern der dritten und vierten Klassen. Das Stück, das er dieses Mal mitgebracht hat, richtet sich an Erwachsene und Jugendliche.

Mit sonorer Stimme erzählt Raad die Geschichte des Brahmanensohns Siddhartha, der in die Welt hinauszieht, um sich selbst und seine Vollendung zu finden. Sein Weg führt von strengster Askese über die Lehren Buddhas zu einem Leben voller Sinnlichkeit und Reichtum, bis er Vollkommenheit und Weisheit als einfach lebender Fährmann und Vater findet. „Siddhartha spielt in einem fernen Land zu einer fernen Zeit, im 6. Jahrhundert vor Christus. Aber es ist doch zeitlos und aktuell“, kündigt Raad vor der Aufführung an. Die Themen von Siddharta – die Suche nach dem eigenen Weg und der Generationenkonflikt – berühren die Menschen auch heute noch.

In der Inszenierung des Düsseldorfer Schattentheaters entwickelt Hermann Hesses Originaltext zusammen mit den eindrücklichen Bildern, den tänzerischen Bewegungen der Figuren und der nach Stimmung wechselnden Musik eine ganz zauberhafte Poesie.

Fasziniert und neugierig schauen die Besucher der Bastion in der Pause hinter die Bühne, wo ihnen Lermann die Technik und die Figuren zeigt. Es steckt sehr viel Mühe hinter dieser Theateraufführung, die einen so schwerelos-poetischen Eindruck macht. Zuerst musste Raad den Suhrkamp Verlag, der die Rechte an Hesses Text besitzt, überzeugen. Erst nach vielen Jahren stimmte der Verlag 2012 der einmaligen Inszenierung zu.

Das Theater der Dämmerung wurde 1993 in Stuttgart gegründet und spielt in Baden-Württemberg und in Nordrhein-Westfalen Stücke immer mit dem Originaltext. „Vor Kindern zu spielen, ist ganz anders, als vor einem erwachsenen Publikum“, verrät Raad. „Kinder reagieren viel stärker. Erwachsene geben keine Äußerungen von sich, sie kehren sich mehr nach innen.“ Dafür bietet sich das nachdenkliche, spirituelle Stück „Siddhartha“ auch an.

Die Bühnenbilder dieser Inszenierung malte Guido Hörnschemeyer mit Glasmalfarbe auf eine 28 Meter lange Folienrolle, die bei der Aufführung von Hand gekurbelt werden muss, damit sich das Bühnenbild verändert. Von ihm stammen auch die beweglichen Scherenschnittfiguren aus laminiertem Karton und Bambusstäben. Hinzu kommt die eigens für diese Inszenierung von Andreas Starr komponierte Musik, die die Emotionen der jeweiligen Szene unterstreicht.

Natürlich sorgen auch der Sprecher Raad und der Puppenspieler Lermann mit ihrer Leidenschaft und Professionalität dafür, dass diese multimediale Aufführung zu einem unvergesslichen Ereignis wird. Raabs wandelbare Stimme vermag die ernste Handlung mit Humor aufzulockern und über zwei Stunden lang die Spannung aufrechtzuerhalten. Jeder Figur gibt er einen ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter.

„Das ist das Tolle am Schattentheater: Es ist echtes Erzähltheater!

Friedrich Raad

Der Puppenspieler über seine Passion

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