Kirchheim

„Lies, was du schreibst“

Buch Die Kirchheimer Autorin Hiltrud Baier veröffentlichte einen neuen Roman. Es geht um eine Jüdin, die in ihre schwäbische Heimat zurückkehrt. Von Elise Czaja

Die Autorin Hiltrud Baier lebt nach langen Jahren in Schweden jetzt wieder im Ländle.Foto: Carsten Riedl
Die Autorin Hiltrud Baier lebt nach langen Jahren in Schweden jetzt wieder im Ländle. Foto: Carsten Riedl

Kaum ist sie wieder zurück, ist ihr neuester Roman schon so gut wie veröffentlicht: Hiltrud Baier ist hier im Ländle zu Hause, ihre Wahlheimat war aber lange Zeit Schweden. Um genau zu sein Jokkmokk, ein Dorf im schwedischen Lappland. Das Leben dort hat sie dazu angetrieben, selbst Bücher zu schreiben.

Sie folgte ihrem Partner im Jahr 2001 nach Schweden und ließ ihre Arbeit, Freunde und Familie zurück. Anfangs fiel ihr das Leben dort alles andere als leicht, da sich die Jobsuche als sehr schwierig erwies.

Ihre Liebe für Bücher hat schon immer ihr Leben geprägt. Hiltrud Baier studierte Germanistik und Kinderliteratur an der Universität in Tübingen und arbeitete als Buchhändlerin sowie auch in verschiedenen Verlagen. Ihre ersten Bücher veröffentlichte sie über „Books on Demand“ - und das eigentlich nur, um Teilnehmern an ihren Schreibkursen zu sagen, ob das funktioniert. Tatsächlich klappte es, und sie publizierte vier Bücher über ihr Auswandererdasein in Schweden.

Danach ergriff sie das Schreibfieber: Sie schrieb zwei Lappland-Krimis unter dem Pseudonym Klara Nordin. Ihr erster Roman „Helle Tage, Helle Nächte“ erschien 2018 unter ihrem echten Namen. Diese Geschichte spielt im schwäbischen Beuren und in den Bergen Schwedisch-Lapplands. Inspiriert wurde die Autorin von der samischen Kultur ihrer Nachbarn in Jokkmokk, die sich in all ihren Romanen wiederfindet. Sie schreibt über diese Kultur, weil sie Menschen dafür begeistern möchte.

Ihr aktueller Roman „Tage mit Ida“ ist noch druckfrisch - er ist am Mittwoch erschienen. Hiltrud Baier ließ sich inspirieren von den weißen Bussen, die während des Zweiten Weltkrieges jüdische Kinder in andere Länder, beispielsweise Schweden, brachten. Es geht um ein Mädchen, das mit einem solchen Bus aus ihrer deutschen Heimat nach Schweden gelangte. Dort lebte sie in den Bergen Lapplands bei einer samischen Familie. 1999 kehrt sie als ältere Frau nach Deutschland zurück, um ihre Familie zu suchen. In Kirchheim wird sie schließlich fündig.

Inspiriert wurde die Autorin von Romanen von Cordelia Edvardson und Nelly Sachs, beide Schriftstellerinnen mit Verbindungen zum Nahen Osten. Ihr Schreibstil ist realistisch, ihr Schreibprozess unproblematisch. „Ich hatte ein paar Ideen und hab das dann einfach runtergeschrieben“, lacht Hiltrud Baier. Es hilft ihr sehr, wenn sie Steckbriefe von ihren Figuren macht, um sie besser kennenzulernen. Auch wenn sie viel von der Handlung plant, machen sich manche Figuren dann doch selbstständig. Zum Schreiben von einem Buch neben ihrem Job braucht sie ungefähr ein Jahr. Alle anderen Änderungen sind dann nach ungefähr sechs Monaten erledigt. „Für mich war mein neuer Roman schon Anfang Januar fertig“, sagt sie. Wegen Corona wurde das Erscheinungsdatum auf Ende August verschoben.

Wichtig für sie sind starke Frauenrollen. In ihren beiden Familienromanen stehen Mutter-Tochter-Beziehungen, sowie auch die Beziehung zwischen Nichte und Tante, im Vordergrund. „Es geht immer um eine jüngere und eine ältere Frau“, meint sie. In ihren Krimis mag sie ihre drei älteren Damen, die sich ständig streiten, am liebsten.

Für gewöhnlich schreibt Hiltrud Baier am Schreibtisch. Woanders oder sogar in einem Café kann sie sich gar nicht konzentrieren. Der Ort ist besonders wichtig für sie, auch was die Schauplätze ihrer Bücher betrifft. Am einfachsten fällt es ihr, über Orte zu schreiben, die sie gut kennt. Mit Beuren und Kirchheim sowie dem schwedischen Jokkmokk ist sie gut vertraut und kann die Atmosphäre der Orte wiedergeben. Komplett fiktive Welten sind erst recht nicht ihr Fall. Einmal hat sie versucht, die Handlung in ein hessisches Städtchen umzusiedeln. „Die Stadt war schon schön, aber irgendwie war sie nicht das Richtige“, schmunzelt sie. Eine gute Sache nahm sie aber mit vom Tripp nach Hessen: Sie lernte dort einen Archivar kennen, der besonders viel Wissen über das Judentum angehäuft hatte. Er konnte ihr bei ihrem neuen Roman mit Fakten unter die Arme greifen.

Auch in ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Büchern, nicht nur ihren eigenen. Sie liest gerne Familienromane. „Als Autorin muss man so viel lesen, wie es nur geht. Wenn man einen Lieblingsautor hat, kann man versuchen, jedes Buch, jeden Satz auseinander zu nehmen“, rät Hiltrud Baier. Zu ihren liebsten Autoren gehören Elizabeth Strout und Tim Winton, die beide Familienromane schreiben. „Lies, was du schreibst“, lacht sie. Hiltrud Baier war auch nach dem hundertsten Mal Korrekturlesen ihrer eigenen Bücher noch nie gelangweilt von der Geschichte.

Das nächste Buch ist auch schon in Arbeit. Es soll ein Kinderbuch werden, schließlich hat sie Kinderliteratur studiert. Es erscheint Anfang nächsten Jahres.

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