Kirchheim

Livemusik hinter dem Vorhang

Musikschule Inzwischen gibt es auch für Bläser und Sänger wieder Präsenzunterricht. Die Hygieneregeln sind aber nach wie vor sehr strikt. Kooperationsangebote mit Schulen fallen noch flach. Von Günter Kahlert

Immer schön auf Abstand: Johannes Stortz beim Posaunen-Unterricht in der Musikschule.Foto: Günter Kahlert
Immer schön auf Abstand: Johannes Stortz beim Posaunen-Unterricht in der Musikschule. Foto: Günter Kahlert

Hans-Peter Weyhmüller wirkt erleichtert, ein bisschen wenigstens. Der Leiter der Kirchheimer Musikschule konnte kurz vor den Pfingstferien den nächsten Schritt zu mehr „Normalbetrieb“ vermelden: Seit 25. Mai dürfen auch die Bläser und Sänger wieder Präsenzunterricht machen. „Neue Normalität“ nennt sich das inzwischen, ein Begriff, der für jeden Bereich irgendwie etwas anders aussieht. In der Gastronomie, im Freibad, in den Schulen gibt es jeweils spezielle Vorgaben - alles unter dem Vorbehalt der viel zitierten Hygieneregeln.

In der Kirchheimer Musikschule ist das einzig wirklich Normale im Moment die weitgehende Ruhe während der Pfingstferien. Ansonsten natürlich Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz im Haus, Desinfektionsmöglichkeiten und, wenn der Unterricht wieder losgeht, weiterhin mit begrenzter Schülerzahl pro Übungseinheit. „Für Ensembles und Chöre ist das eine schwierige Situation“, meint der Musikschulleiter.

„Besonders gestraft“ waren seinen Worten nach aber die Bläser. Während alles, was Tasten und Saiten hat, bereits am 6. Mai wieder vorsichtig an den Start gehen durfte, mussten die Lehrer für Blasinstrumente noch drei Wochen warten. Erst in der Woche vor Pfingsten wurde Bläserunterricht wieder freigegeben. Mit - natürlich - entsprechenden Corona-Vorbehalten. 2,50 Meter Mindestabstand und zwischen Lehrer und Schüler ein „Roll-up“, eine durchsichtige Stellwand. Alles für einen Schutz vor Tröpfchen und Aerosolen, wie man sie Blasinstrumenten verstärkt zuschreibt.

Zwei der „Gestraften“ sind der Kirchheimer Johannes Stortz (Posaune, Trompete, Bariton-Horn) und der Stuttgarter Alexander „Sandi“ Kuhn (Saxofon). Die beiden Vollprofis - Stortz eher in der Klassik zu Hause, Kuhn ein mehrfach prämierter Jazzer - haben die Sache aber cool angepackt. Innerhalb von 14 Tagen wurde auf Online-Unterricht umgestellt, wie die gesamte Musikschule. „Ich habe sofort eine Whats-App-Gruppe ‚Corona Brass Class‘ gegründet und mit den Eltern und Schülern kommuniziert“, erzählt Johannes Stortz. Das sei sehr gut gelaufen, allerdings war die Audio-Qualität bei den Übungs-Sessions aufgrund der oft unterschiedlichen technischen Ausstattung bei den Schülern alles andere als optimal. „Ich habe da manchmal grauenhafte Töne gehört und musste interpretieren, was dahintersteckt“, meint er schmunzelnd. Johannes Stortz hat in der Online-Zeit auch eine große Menge an Etüden geschrieben, kleine Übungsstücke, die speziell auf den Stand des Schülers abgestimmt sind. „Die müssen nach den zwei Monaten einen dicken Ordner zu Hause haben“, schätzt der Musiker seinen Noten-Output.

Gemeinsames Spielen fehlt

Alexander Kuhn ließ sich neben seinem Online-Unterricht noch etwas Besonderes einfallen. Er hat drei Pop-Songs zur Corona-Situation geschrieben und sie in Videos umgesetzt. Besonders beeindruckend ist sein Youtube-Clip „Dance and be alright“ - der Quarantäne-Song für alle zu Hause von Anfang April. „Ich habe mir überlegt, wie kann ich als Musiker der schwierigen Situation etwas Positives entgegensetzen“, erläutert er seine Beweggründe. 40 Freunde und Bekannte übten zu Hause nach der Choreografie einer befreundeten Tänzerin. Die dabei entstandenen Smartphone-Videos baute Alexander Kuhn zu einem umwerfend lebensfrohen Clip zusammen.

Was beide Musiker wie alle ihre Musikschul-Kollegen in der Online-Zeit vermisst haben, ist das gemeinsame Spielen mit ihren Schülern. Grund ist der Zeitversatz beim Streaming. Selbst wenn er teils nur gering ist, geht das bei Musik halt gar nicht. Aber das ist inzwischen Vergangenheit, denn jetzt ist alles wieder „live“ und „in time“ in der Kirchheimer Musikschule.

Auch der Leiter der Musikschule, Hans-Peter Weyhmüller, sieht optimistisch in die Zukunft. „Von den 620 monatlichen Stunden fallen im Moment nur noch 30 aus“, schildert er die aktuelle Situation. Dabei dreht es sich vor allem um die Kooperationsangebote mit den Schulen. Also keine 80 Kinder in der Raunerschule und auch keine Streicherklasse am Ludwig-Uhland-Gymnasium mit 45 Teilnehmern. Wie lange das so bleibt, vermag Hans-Peter Weyhmüller nicht seriös einzuschätzen. „Ich denke, das wird im günstigsten Fall mit dem neuen Schuljahr wieder losgehen.“ Nach den Pfingstferien also erst mal wie gehabt: „Neue Normalität“ unter Corona-Vorzeichen.

Tanzen gegen Corona-Frust: Musiklehrer Alexander Kuhn (Mitte) hat drei Pop-Songs geschrieben und sie in kreative Youtube-Videos
Tanzen gegen Corona-Frust: Musiklehrer Alexander Kuhn (Mitte) hat drei Pop-Songs geschrieben und sie in kreative Youtube-Videos verpackt. Foto: pr
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