Kirchheim

Luther war hier ständig präsent

Vortrag  Günther Erb sprach in Jesingen über die Reformation in Kirchheim – über eine spannungsgeladene Zeit voller Umbrüche. Von Andreas Volz

Was hat Martin Luther mit Kirchheim zu tun? Dieser Frage ist Günther Erb in Sankt Lukas in Jesingen nachgegangen. So gut wie nichts natürlich: „1518 war Luther in Heidelberg. Näher ist er uns nie gekommen.“ Auf den zweiten Blick überrascht der Heimatforscher aber doch, wenn er sagt: „Luther war in den spannungsreichen Jahren zwischen 1517 und 1534 ständig präsent in Kirchheim - durch seine Schriften.“ Bis 1534 waren genau diese Schriften ganz „heiße Ware“. Wer damit erwischt wurde, landete im Gefängnis - auch in Kirchheim.

Herzog Ulrich ist die alles überragende Figur dieser Zeit in Württemberg - nur nicht in moralischer Hinsicht. Dem Renaissanceherrscher kann es passieren, dass er 1515 seinen Freund und Stallmeister Hans von Hutten eigenhändig ermordet oder dass er im Januar 1519 die Freie Reichsstadt Reutlingen überfällt und besetzt.

Dem Herzog bekommt das nicht wirklich: Noch 1519 wird er vertrieben. Das Land kommt unter habsburgische Verwaltung. Das hat Auswirkungen bis unter die Teck: Die herzoglich gesinnten Dettinger starten zwei erfolglose Angriffe auf die Owener, die es mit der österreichischen „Besatzungsmacht“ halten. Kirchheimer helfen Herzog Ulrich, die Freie Reichsstadt Esslingen zu belagern. Aber alle Versuche der Rückeroberung scheitern - bis Ulrich im Mai 1534 wieder in Stuttgart einziehen kann.

Zu verdanken hat er diesen Erfolg dem hessischen Landgrafen Philipp dem Großmütigen, einem der führenden protestantischen Fürsten im Reich. Im Exil hat sich Ulrich mit der neuen Konfession befasst, die ihm nun die Möglichkeit gibt, mit den Habsburgern zugleich deren altgläubige Konfession aus dem Land zu fegen.

Plötzlich wird auch in Kirchheim alles auf den Kopf gestellt, wie Günther Erb berichtet. Wichtig war damals die Vorsorge für das Seelenheil. Adlige stifteten Altäre und Pfründe. In ihren Stiftungen legten sie fest, für wen wie oft Messen zu lesen waren. Nur ständiges Erinnern und Bitten gewährte den Verstorbenen die Hoffnung auf „fröhliche Urständ“, also auf eine selige Auferstehung am Jüngsten Tag. Auch die Ärmeren wollten sich diese Hoffnung nicht nehmen lassen. Sie schlossen sich in Bruderschaften zusammen, die auf Laienbasis am ewigen Seelenheil und an der religiösen Erinnerungskultur arbeiteten. Zehn solcher Bruderschaften zählt Günther Erb allein für Kirchheim auf.

Pfarrer, Kapläne sowie Esslinger Dominikanermönche, die das Kirchheimer Frauenkloster geistlich betreuten, versorgten vor 1534 die rund 2 100 Einwohner Kirchheims. Sechs Kirchen und Kapellen standen dafür in der Stadt oder auch außerhalb der Mauern zur Verfügung. Günther Erb spricht aus heutiger Sicht von einer „Überversorgung“, aber auch von einem „geistlichen Notstand“, denn die Klagen über mangelnden Diensteifer der Kirchheimer Geistlichkeit waren groß.

Das zumindest sollte sich als Kontinuum erweisen, auch nachdem die Reformation eingeführt war: Lange Zeit mangelte es noch an geeigneten Geistlichen, die die neue Lehre hätten verkünden können. Unter anderem deshalb wurde das Schulsystem ausgebaut: Außer „Söhnen“ gingen auch „Töchter“ in die neue „Deutsche Schule“, die es in Kirchheim fortan neben der traditionsreichen Lateinschule gab. Auf dem Stundenplan stand ein bisschen Lesen, Schreiben und Rechnen - vor allem aber das Auswendiglernen des Katechismus, also das sture Einüben der neuen Glaubensinhalte.

Als Ulrichs Untertanen hatten die Kirchheimer die neue Konfession zu übernehmen. Die Zunftmitglieder der Freien Reichsstadt Esslingen dagegen konnten abstimmen, mit eindeutigem Ergebnis: 1 076 Stimmen für die neue Lehre, 21 für den alten Glauben und immerhin fünf für die Wiedertäuferbewegung. Letztere, die auch in Dettingen viele Anhänger gehabt haben muss, wurde staatlich verfolgt, wegen ihres aufrührerischen Potentials. Ihren Anhängern drohte die Todesstrafe.

Weniger heftig ging es in Kirchheim in anderer Hinsicht zu: Es kam zu keinem Bildersturm. Die Pfarrkirche Sankt Martin wurde ordnungsgemäß ausgeräumt. Messkelche und Hostienteller wurden gleichwohl eingeschmolzen, was Günther Erb sehr bedauert: „Dadurch gingen wertvolle Kunstschätze zugrunde.“

Um 1540 war die Reformation in Kirchheim abgeschlossen. 1546 begannen mit dem Schmalkaldischen Krieg bereits die konfessionell begründeten Kriege. Ab 1548 kam Kirchheim somit wieder unter habsburgische Besatzung, dieses Mal unter spanisch-habsburgische. Der „Spuk“ dauerte über drei Jahre. Die letzte Kirchheimer Nonne dagegen, Subpriorin Agnes Schilling von Cannstatt, starb erst 1579. Wie allen Nonnen, hatte man ihr gestattet, dem alten Glauben treu zu bleiben.Andreas Volz

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