Kirchheim

Man liest nur mit dem Herzen gut

Literatur Die 17. Lesenacht bringt Frauen zusammen, die sich sonst nie begegnet wären: Kultur öffnet Herzen und löst Grenzen auf. Von Ana-Marija Bilandzija

Man liest nur mit dem Herzen gut
Man liest nur mit dem Herzen gut

Lautes Lachen hallt durch die Gänge der Stadtbibliothek Kirchheim. Es ist neun Uhr am Abend, draußen nähert sich die Novemberluft dem Nullpunkt, in den Glaswänden des Gebäudes spiegeln sich die Lichter der May-Eyth-Straße. All das ist weit weg und unbedeutend – zwischen den Bücherregalen sitzen mehr als hundert Frauen, verteilt auf vier Themenbereiche, auf Holzstühlen, lauschen gebannt den vier Frauen, die mehr erzählen, als die Texte, die sie ausgesucht haben.

Das laute Lachen gilt der Irin Debbie Monks. Sie vertritt ihre Heimat Irland; neben ihr lesen an diesem Abend Katarina Bürger aus Finnland, Yasamin Kiani aus dem Iran und eine gebürtige Portugiesin. Sie alle wohnen in der Region – unterschiedlich lange, das Spektrum geht von acht Monaten bis zu dreißig Jahren.

Für die gute Laune unter den Zuhörerinnen ist noch jemand verantwortlich – Sängerin Anja Schulenburg. Nach einem Willkommenscocktail hat sie Chansons angestimmt, in denen sie sich selbst und die Frauenwelt aufs Korn nimmt. Schulenberg hat unter anderem in Südafrika und Berlin gelebt. Auch sie: eine Botschafterin der kulturellen Vielfalt.

Zurück zu Debbie Monks, der Vorleserin aus Irland. In ihrer Lesestunde begibt sie sich auf einen Streifzug durch die Geschichte Irlands – eine Geschichte, zu der sie einen persönlichen Zugang hat. Monks, die in ihrer Heimat als Lehrerin arbeitete, liest aus dem Buch „Days of Surrender“, das ihre Schwester Jacki Irwine geschrieben hat. Es ist die Geschichte von Elizabeth O‘Farrell, einer mutigen Hebamme, die eine sehr wichtige Rolle im Osteraufstand von 1916 spielte.

Geschickt spickt Debbie Monks ihre Lesung mit „Fun Facts“ über das Land, das sie ihre Heimat nennt. Irisch, erzählt sie, sei seit ein paar Jahren wieder im Kommen. Man habe den Reichtum der eigenen Sprache wiederentdeckt, sogar die jungen Menschen packen wieder ihr „Gaeilge“ aus (so nennen die Iren ihre Sprache).

Am anderen Ende des Korridors, zwischen Historienromanen und Dramen, verrät Yasamin Kiani die Geheimnisse der iranischen Küche, Safran und Dill zum Beispiel. Die junge Frau kam vor acht Monaten aus dem Iran nach Deutschland; an diesem Abend liest sie aus einem großen, bebilderten Buch alte persische Märchen vor. Sie legt das Buch zur Seite, greift nach einem Foto. „Dschudscheh“ – persisches Safran-Hähnchen. „Ohh“, „des ist was Feines“, „Was kommt da rein?“ Das Thema Essen löscht jede Distanz innerhalb von Sekunden – ob Schwäbin oder Perserin, frisch zugezogen, zurückgekehrt oder nie weg gewesen.

Gegen zehn Uhr am Abend treffen die Frauen am Buffet zusammen, und der Austausch geht weiter: Ein Buffet, bei dem nicht nur übers Essen, sondern auch über Literatur und Politik diskutiert wird. Beinahe schade, jetzt, da man sich mit fremden Klängen im Ohr und neuen Perspektiven im Geist so nahe gekommen ist, wieder nach Hause zu fahren.

Pädagogin Sabine Stoll strahlt vor Freude. Noch mehr Besucherinnen als letztes Jahr, trotz des Wetters! „Das hier ist gelebte Integration“, findet sie, „alle gehen reicher hier raus, als sie reingekommen sind.“ Der Pädagoginnenbund und das Team der Stadtbibliothek haben den Abend organisiert; Sabine Stoll und ihre Kollegin Renate Dopatka halten dafür das ganze Jahr über Ausschau nach potenziellen Teilnehmerinnen. Yasamin Kiani besuchte ihren ersten Sprachkurs, als die Pädagoginnen sie ansprachen. Kiani freut sich, die Lesenacht ist für sie ein weiterer Ansporn, Deutsch zu pauken. Auch in der Bibliothek haben die drei Frauen schon Vorlese-Talente entdeckt. „Bei uns in Kirchheim ist die Bücherei ein Ort der Begegnung und des Austauschs“, sagt Ellen Keller-Bitzer. Das gilt jeden Tag, aber an diesem Abend eben besonders.

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