Kirchheim

„Man muss dort gewesen sein, um es zu beschreiben“

Kai Wiedenhöfer ist in Sachen Kunst unterwegs und reist dafür in Gebiete, die wenige Europäer so kennen

„Man muss dort gewesen sein, um es zu beschreiben“
„Man muss dort gewesen sein, um es zu beschreiben“

Kirchheim. Kai Wiedenhöfer, geboren am 3. März 1966, ist in Kirchheim aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in seiner Wahlheimat

Berlin. Das Interesse für die Fotografie hatte der heute 50-Jährige bereits zu Schulzeiten, wie er selbst erzählt. So spielte sie etwa im Kunst-Leistungskurs am Ludwig-Uhland-Gymnasium Kirchheim eine Rolle, ebenso wie die Thematik der Bilder: „Ich hatte schon im Teenageralter ein großes politisches Interesse am Nahen Osten. Im Politikunterricht 1982 war unter anderem der damals aktuelle Libanonkrieg Thema“, erinnert sich Wiedenhöfer. Überall seien die Geschehnisse präsent gewesen.

An der Essener Folkwang Universität der Künste schrieb sich der Kirchheimer nach dem Abitur für den Studiengang Kommunikationsdesign mit den Schwerpunkten „Buch- und Magazingestaltung und Dokumentarfotografie“ ein und war während der Semesterferien regelmäßig im In- und Ausland unterwegs, um zu fotografieren – so etwa in Konzentrationslagern, auf jüdischen Friedhöfen oder 1989 erstmals in den besetzten Gebieten Israels. In den Jahren 1991 und 1992 studierte Wiedenhöfer 15  Monate lang an der Universität in Damaskus Arabisch. 1995 schloss der Dokumentar- und Kriegsfotograf sein Studium in Essen ab. Zwischen 2003 und 2012 dokumentierte er in einem „Grenzprojekt“ neun Grenzen und Mauern weltweit. So war er etwa in Israel, Bagdad, Belfast, Korea, auf Zypern oder an der Grenze der USA zu Mexiko mit der Kamera unterwegs.

Dass Kai Wiedenhöfer Arabisch lernte, hatte für ihn ganz praktische Gründe: „Man kann autonom in den arabischsprachigen Ländern wie Syrien, dem Libanon oder Jordanien arbeiten und braucht keinen Übersetzer. So wird auch tatsächlich immer richtig übersetzt.“ Es sei von Vorteil, wenn man sich selbst erklären kann und den anderen versteht. „Ich bekomme einen persönlichen Zugang zu den Menschen im Land, sie fassen leichter Vertrauen zu mir, wenn ich ihre Sprache beherrsche“, sagt Wiedenhöfer selbst. Das habe sich auf den vielen Auslandseinsätzen in den Kriegsgebieten bestätigt.

Schon während seines Studiums in Damaskus seien die diktatorischen Verhältnisse und die Kontrollen deutlich geworden – allein schon, wenn seine Post geöffnet wurde, bevor sie ihn erreichte: „Das waren DDR-Verhältnisse“, sagt der Fotograf. Der Einsatz in Aleppo sei bislang der schwierigste in seiner Kriegsfotografenlaufbahn gewesen, so Wiedenhöfer. „Man kämpft dort gegen die Armee, es sind chaotische Zustände.“

2014 begann Kai Wiedenhöfer mit seiner Dokumentation über syrische Flüchtlinge im Libanon und in Jordanien. 40 Porträts von schwer verletzten Zivilisten sind entstanden. Der Titel lautet „40  von einer Million“. „Im September 2014 hat die UN bei 250 000 Toten aufgehört zu zählen, aktuell geht man von rund 470 000 aus“, sagt Wiedenhöfer. Viele Kriegstote tauchen nie in einer Statistik auf. Sie sind einfach weg oder vergraben. 68 Prozent der Menschen, die in Syrien umkommen, seien Opfer des Regimes, elf Prozent gehen auf das Konto der Rebellen, die Russen und der Islamische Staat teilen sich mit je rund 6,6 Prozent den dritten Platz, erklärt er.

Der Fotograf war Anfang 2013 in Aleppo: „Man muss selbst dort gewesen sein, um die Zustände beschreiben zu können, es bringt nicht viel, nur die Nähe zum Geschehen zu suggerieren“, sagt er. Schon damals tobten heftige Kämpfe. Die Arbeit dort war lebensgefährlich. „Aktuell kann man dort nicht mehr hin“, sagt Wiedenhöfer. „Schon das Entführungsrisiko ist sehr hoch.“ Die dramatische Entwicklung sei absehbar gewesen, genauso wie die Unzahl der Menschen, die durch die Kämpfe vertrieben wurden.

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