Kirchheim

„Man sollte das Szenario des Lebensendes durchspielen“

Beatmung Christoph Schweikle schildert, wie seine Mutter ihren Söhnen eine wichtige Entscheidung abgenommen hat.

Symbolbild

Kirchheim. „Leben und sterben lassen“: Aus diesem zynisch gemeinten James-Bond-Titel können in Corona-Zeiten ganz schnell Fragen werden, mit denen sich „Otto Normalverbraucher“ oder „Jedermann“ auseinandersetzen muss. Die Fragen lauten: Welche Mittel sollen zum Einsatz kommen, um Leben zu retten? Soll das Leben um jeden Preis gerettet werden? Müssen Angehörige auch lernen, loszulassen und den Willen des Patienten zu akzeptieren?

Einer, der sich von einem Tag auf den anderen mit diesen Fragen auseinandersetzen musste, ist Christoph Schweikle, Pfarrer an der Kirchheimer Christuskirche: In dem Heim in Tübingen, in dem seine 87-jährige Mutter lebte, war sie auf eine Corona-Infektion getes­tet worden. Sie hatte keine Vorerkrankungen und zeigte keinerlei Symptome, als ihre drei Söhne mit dem positiven Testergebnis konfrontiert wurden. „Einen Tag nach der Diagnose hat meine Mutter sehr unvermittelt hohes Fieber bekommen“, erzählt Christoph Schweikle von der Situation wenige Tage vor Ostern. Wiederum einen Tag später kam der Tod - im Krankenhaus, ohne dass die Familie sich vollzählig um das Sterbebett hätte versammeln können, um Abschied zu nehmen.

„Für uns war es sehr hilfreich, dass wir auf eine Patientenverfügung zurückgreifen konnten“, berichtet Chris­toph Schweikle weiter. „Das war sehr eindeutig: keine künstlichen Maßnahmen.“ Es kam also kein Beatmungsgerät zum Einsatz: „Sie ist nur palliativ versorgt worden und relativ friedlich eingeschlafen, ohne Atemnot.“ Alles ging rasend schnell, aber für die Familie ist auch jetzt - sieben Wochen später - alles richtig abgelaufen: „Im Nachhinein haben auch Ärzte und Pflegekräfte gesagt, die Entscheidung, auf die Beatmung zu verzichten, war richtig.“

Für Christoph Schweikle ist es besonders wichtig, dass es seine Mutter war, die einst selbst entschieden hatte: „Sie hat uns alle ungemein entlastet - dadurch, dass sie uns diese schwere Entscheidung abgenommen hat.“

Gespräche sind sehr wichtig

Aus dieser Erfahrung heraus kann Christoph Schweikle nur empfehlen, „das Szenario des Lebensendes gedanklich durchzuspielen. Als Memento mori ist das eine gute Übung - spirituell und für einen selbst. Aber auch die Gespräche mit Kindern und Partnern sind für alle sehr wichtig.“

Christoph Schweikle betont, dass es ihm nicht um aktive Sterbehilfe geht: „Das Recht auf Sterben ist gar nicht mein Thema. Ich frage mich eher, wie viel Technik und Assistenz durch Geräte ich an meinem Lebensende haben möchte.“ Das müsse jeder selbst bestimmen: „Am schlimmsten wäre die Triage - dass also das Personal im Krankenhaus entscheiden muss. Da sind wir zum Glück noch dran vorbeigekommen.“ Andreas Volz

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