Kirchheim

Martin Kieß nimmt Göppingen ins Visier

Forschung Ehemaliger Kirchheimer Mathelehrer setzt seine berufliche Karriere und sein Hobby, die Erforschung Kaiser Friedrichs II., in der Stauferstadt fort. Von Margit Haas

Der Mathelehrer Martin Kieß nähert sich historischen Bauwerken mit nicht alltäglichen Methoden. Foto: Margit Haas
Der Mathelehrer Martin Kieß nähert sich historischen Bauwerken mit nicht alltäglichen Methoden. Foto: Margit Haas

Ohne PC, ohne Telefon ohne Uhr – kann man heutzutage so durchs Leben kommen? Man kann. Martin Kieß macht es vor, gibt aber zu: „Ja, man könnte mich als Eigenbrötler bezeichnen.“ Der 67-Jährige unterrichtet seit diesem Schuljahr Mathematik am Werner-Heisenberg-Gymnasium. Zuvor war er jahrzehntelang Lehrer in Kirchheim am Ludwig Uhland Gymasium. Nach Göppingen habe er sich „bewusst versetzen lassen“. Hier erhofft er sich mehr Beachtung für seine historischen Forschungen.

Der Stuttgarter nähert sich nämlich seit vielen Jahren historischen Bauten mit ganz unterschiedlichen, auf jeden Fall unkonventionellen Methoden. Und dabei stößt er nicht überall auf offene Ohren – so auch in Kirchheim. „Ich interessiere mich für Kaiser Friedrich II und sein Umfeld.“ Weil Göppingen eine Partnerschaft zu dessen Lieblingsresidenz Foggia unterhält und die Gesellschaft für staufische Geschichte hier ihren Sitz hat, erhofft er sich hier mehr Beachtung für seine ungewöhnlichen Theorien, „einen größeren Widerhall für meine Arbeit“.

Der Diplom-Mathematiker hat eher zufällig sein Interesse für Geschichtliches entdeckt. „Ich hatte mich zunächst nur für Mathematik interessiert. Als ich dann einen Kollegen auf einer Klassenfahrt nach Rom begleitete, hat mich Italien fasziniert. Seither muss ich in jeden Ferien nach Italien reisen.“ Martin Kieß fliegt nicht etwa, sondern nimmt selbst nach Sizilien die beschwerliche Anreise mit dem Zug auf sich.

Immer wieder besucht er dieselben Orte, betrachtet die Bauten dabei aber regelmäßig unter neuen Aspekten. Mal ist es die Deutung von Thympana unter dem Aspekt von musikalischen Harmonien, mal die Orientierung der Gebäude. Mit Zähigkeit und Hartnäckigkeit versucht er dann, den Kirchen oder Schlössern und Burgen ihr Geheimnis zu entreißen. Dabei wirft er auch den Blick in den Himmel, nimmt neben mathematischen Methoden auch die Astronomie zu Hilfe.

Mit seiner Leidenschaft für die mittelalterlichen Gebäude und ihre Geschichte konnte er auch schon seine Schüler anstecken. Als Klassenlehrer organisierte er selbst Fahrten hauptsächlich nach Süditalien. Viele Schüler begleiteten ihn auch außerhalb von Schulfahrten während ihrer Ferien auf Reisen, „bis in den letzten Zipfel Italiens“. In zahlreichen Seminarkursen und Arbeitsgemeinschaften hat er seither mit Schülern unterschiedlichste Projekte umgesetzt, die ein differenziertes Echo ausgelöst haben. Beim berühmten Castel del Monte Friedrich II. in Apulien etwa glaubt Martin Kieß nachweisen zu können, dass dort am 26. Dezember 1241 nicht, wie die Historiker bisher glauben, der Grundstein gelegt worden war, sondern dass da eine Einweihungsfeier stattgefunden hat. Auch für die Achteckform hat er „ein Urbild“ entdeckt, das sich aus einer damaligen Planetenkonstellation ergab.

Wenn Martin Kieß von seinen Forschungen erzählt, kann man gut nachempfinden, wie er seine Schüler begeisterte. Sie durften sogar in Meßkirch in der Nähe von Sigmaringen die Ausrichtung des „Campus Galli“ festlegen, berichtet der Lehrer. Dort wird in den kommenden Jahrzehnten mit Methoden und Materialien des neunten Jahrhunderts eine mittelalterliche Klosterstadt nachgebaut werden. Jetzt hofft Martin Kieß, dass sich auch in Göppingen Schüler finden, die sich von seiner Begeisterung „infizieren“ lassen. Dann will er sich der Göppinger Oberhofenkirche und der spätromanischen Stiftskirche Faurndaus annehmen.

Wenn er nicht alten Bauten nachspürt, blättert Martin Kieß am liebsten in antiquarischen Büchern, natürlich über Italien. „Dafür gebe ich fast mein ganzes Geld aus.“ Dank dieser Literatur sehe er Italien „immer wieder anders“.

„Man könnte mich als Eigenbrötler bezeichnen.

Martin Kieß

über sein Leben ohne PC, ohne Telefon und ohne Uhr.

3 Staufertage finden vom 11. bis 13. November in der Göppinger Stadthalle statt. Auf Einladung der Gesellschaft für staufische Geschichte berichten namhafte Historiker über „Jüdisches Leben in der Stauferzeit“.

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