Kirchheim

Memoiren eines Glückskindes?

Theater „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ waren auf der Bühne der Stadthalle zu sehen. Das Landestheater Dinkelsbühl bereitete dem Publikum einen unterhaltsamen und geistreichen Abend. Von Florian Stegmaier

Maximilian Westphal und Bernd Berlep (links und rechts im Vordergrund) stellen beide Felix Krull dar.Foto: Carsten Riedl
Maximilian Westphal und Bernd Berlep (links und rechts im Vordergrund) stellen beide Felix Krull dar.Foto: Carsten Riedl

Mit seinen Theaterfassungen von Thomas-Mann-Romanen hat Dramaturg John von Düffel für einen wahren Boom auf deutschen Bühnen gesorgt. Hatte das Kirchheimer Theaterpublikum bereits in der letzten Spielzeit des vhs-Kulturrings Gelegenheit, Düffels Adaption der „Buddenbrooks“ kennen und schätzen zu lernen, hatte nun das Landestheater Dinkelsbühl eine Bearbeitung der „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ im Gepäck. Zugleich konnte an diesem Abend der Auftakt des Kirchheimer Theaterfestivals „Szenenwechsel“ eingeläutet werden, das sich insbesondere an das jüngeren Publikum wendet.

Thomas Mann hat insgesamt über vier Jahrzehnte lang an den fiktiven Memoiren des oberflächlichen jungen Schönlings gearbeitet und war zuletzt doch weit davon entfernt, den dreiteilig konzipierten Roman abzuschließen. Nach einer frühen Entstehungsphase noch vor dem Ersten Weltkrieg, die bereits die legendäre Musterungsszene beinhaltete, nahm sich Mann gegen Ende seines Lebens das Manuskript nochmals vor und ergänzte über 300 Druckseiten.

Das ungebildete, sich seiner Außenwirkung aber wohl bewusste Glückskind Felix Krull, Sohn eines pleitegegangenen Schaumweinfabrikanten aus dem Rheingau, beginnt seine berufliche Laufbahn als Hotelpage, um dann eine Grand Tour in adliger Camouflage anzutreten. Allen unangenehmen Seiten des Lebens entzieht er sich, echte Bindungen geht er nicht ein. Seine weltmännisch abgeschauten Manieren, die bestechende Fähigkeit, rollengemäße Glaubwürdigkeit vorzutäuschen: Dies alles ist der galanten Kultur des Adels entlehnt, und folgerichtig scheint ihm der Identitätstausch mit einem Marquis die Rolle seines Lebens zu bieten.

Der seit Goethe tradierten bürgerlich-bekenntnishaften Autobiografie, die von Bildung und Liebe, von Gewissensnöten und Kunstsinn handelt, stellte Mann eine moderne Parodie gegenüber, die einen dandyhaften, wenig ehrgeizigen Protagonisten vorstellt, dem erst als rückblickender Icherzähler Zweifel an sich und der Welt in den Sinn kommen.

Mit seiner fabelhaften Inszenierung unter der Regie von Jürg Schlachter machte das Dinkelsbühler Ensemble deutlich, dass zeitgemäßes Theater weder vom schrillen Effekt noch von avantgardistischer Zutat zwingend abhängt. Ein ebenso wandlungsfähiges wie atmosphärisch dichtes Bühnenbild in zeitgenössischem Kolorit setzte die größtenteils beachtlichen Leistungen der Schauspieler in den rechten Rahmen.

Bravouröse Wandlungskraft bewies Andreas Peteratzinger, der fast pausenlos in die unterschiedlichsten Charakterrollen schlüpfte. Große Bühnenpräsenz entfalteten auch Maximilian Westphal und Bernd Berleb, die beide den Felix Krull gaben: einmal als handelnde Figur einem unbekümmert heiteren Nihilismus frönend, das andere Mal in der Erzählerrolle als dezent kritischer Kontrapunkt fungierend. Drohten phasenweise die weiblichen Rollen zur Staffage ihrer männlichen Kollegen zu werden, so stand Patricia Foik mit ihrer Darbietung der überspannten Madame Houpflé ebenso eine Paraderolle zur Verfügung, wie ihrer Kollegin Monika Reithofer, die als Eleanor Twentyman und Senhora Maria Pia zwei gänzlich konträre Charaktere darstellte.

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