Kirchheim

Missfallen und Begeisterung

Geschichte Wie kam die Reformation nach Württemberg? Das hat der Theologe und frühere Geschichtslehrer Peter Treuherz im Impulskreis Martinskirche erzählt. Von Peter Dietrich

Peter Treuherz erklärt mit viel Detailwissen, wie die Reformation nach Württemberg kam. Foto: Peter Dietrich
Peter Treuherz erklärt mit viel Detailwissen, wie die Reformation nach Württemberg kam. Foto: Peter Dietrich

Die Reformation war eine Befreiung aus religiöser Bevormundung“, sagt Peter Treuherz. Ihr ging als Voraussetzung nicht nur die Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern voraus. Auch das Klima hatte sich gewandelt, weniger strenge Winter und bessere Sommer brachten höhere Erträge und weniger Sorgen. Deshalb wurde die Frage nach dem, was nach dem Tod kommt, stärker: Kann die Seele im Jüngsten Gericht bestehen?

Martin Luther kämpfte gegen den Ablasshandel, der angeblichen Sündenvergebung gegen Geld. Auch Zürich mit Huldrich Zwingli war ein Zentrum der Reformation. Zwingli unterschied sich besonders beim Abendmahlsverständnis. „Für Zwingli war es ein Erinnerungsmahl, für Luther war Christus beim Abendmahlsgeschehen unmittelbar gegenwärtig.“ In Württemberg mischten sich beide Einflüsse. Aus Vermittlungsversuchen entstand die „oberdeutsche Theologie“. Letztlich bestimmte die lutherische Richtung, der Einfluss aus dem Süden blieb in der Gottesdienstform erhalten.

Wie sah es in Württemberg vor der Reformation aus? Die Pfarrstellen waren gut besetzt und dotiert, die Klöster sehr sozial engagiert, doch es gab viele Proteste gegen den Bildungsstand und das Können der Priester. Von den Truppen des Schwäbischen Bundes im Jahr 1519 besiegt, musste Herzog Ulrich nach Mömpelgard - Montbéliard - fliehen, das Herzogtum ging an den Kaiser, dieser setzte seinen Bruder Ferdinand als Herrscher ein: Württemberg war habsburgisch, also katholisch, geworden. Die Bestimmungen des Wormser Edikts wurden scharf befolgt. Prediger, die Luther nahestanden, wurden entlassen. Davon profitierten die freien Reichsstädte, die solche Prediger aufnahmen: Der Melanchthon-Schüler Matthäus Alber predigte in Reutlingen, Johannes Brenz in Schwäbisch Hall, Michael Stifel in Esslingen, Johann Eberlin in Ulm.

Albers Predigten in der Reutlinger Marienkirche trafen bei den Hörern auf große Begeisterung - beim Bischof von Konstanz und den Herrschaften im Umland hingegen auf Missfallen. Im Dezember 1524 musste Alber nach Esslingen zum Verhör beim Reichsregiment. Es geschah ihm nichts, andere Städte solidarisierten sich. 1549 wurde Alber Prediger an der Stuttgarter Stiftskirche, 1563 lutherischer Abt des Klosters Blaubeuren.

Über die Brutalität der Bauern war Luther entsetzt und wandte sich nachhaltig gegen sie. Auch der mildere Brenz empfand Aufruhr als Gotteslästerung, hielt aber die Fürsten für ebenfalls schuldig: Die berechtigten Beschwerden der Bauern seien abzustellen. Herzog Ulrich wollte die Bauernbewegung zur Rückkehr nutzen, das misslang, stattdessen zog der an Zwingli orientierte Herzog zum lutherischen Vetter Philipp von Hessen nach Kassel. Zur Sicherung des evangelischen Glaubens und gegen den katholischen Kaisers Karl V. gründeten Fürsten und Städte 1531 den Schmalkaldischen Bund, doch dessen interner Streit nutzte dem Kaiser. 1534 schloss Phillip von Hessen ein Bündnis mit Frankreich, am 13. Mai 1534 siegten er und Herzog Ulrich in der Schlacht bei Lauffen gegen die habsburgischen Truppen. Drei Tage später hielt Konrad Oettinger in Stuttgart die erste evangelische Predigt.

In Gestalt der Reformatoren Erhard Schnepf und Ambrosius Blarer zog sich der Abendmahlsstreit mitten durchs Land. Schließlich teilte Herzog Ulrich das Land auf: Im Norden reformierte Schnepf lutherisch, im Süden Blarer oberdeutsch. Doch 1538 wurde Blarer entlassen.

Nach seinem Sieg 1547/1548 gegen den Schmalkaldischen Bund wollte der Kaiser mit dem „Interim“ - es sollte bis zu einem Konzil gelten - vor die Reformation zurück, Württemberg war nach diesem Krieg unter spanischer Besatzung. Doch die Reformation war nicht mehr aufzuhalten. 1555 sicherte der Augsburger Religionsfriede die Glaubensfreiheit, vier Jahre später sorgte Herzog Christoph für die Große Kirchenordnung mit 19 Einzelordnungen von Bekenntnis bis Sozialfürsorge. 1565 verpflichtete der Herzog seine Nachfolger per Testament auf die lutherische Konfession.

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