Kirchheim

Mit dem jüdischen Volk ein Leben lang tief verbunden

Nachruf Brigitte Kneher ist gestorben. Sie hat die Geschichte der Kirchheimer Juden aufgearbeitet.

Brigitte Kneher
Brigitte Kneher (links). Foto: Carsten Riedl

Kirchheim. Ein langes und bewegtes Leben ist zu Ende gegangen. Brigitte Kneher ist im Alter von 88 Jahren gestorben. In Kirchheim ist ihr Name untrennbar mit der Aufarbeitung des jüdischen Lebens in der Teckstadt verbunden. Auch dem Holocaust, diesem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte, widmete sie sich über Jahrzehnte. Das hat auch mit ihrer Biografie zu tun.

Geboren wurde sie 1932 in Palästina. Ihr Urgroßvater war schon im 19. Jahrhundert als württembergischer Pietist ins gelobte Land ausgewandert. Dort wurde die Tempelgesellschaft gegründet und als Brigitte Kneher zur Welt kam, war ihr Vater dort Lehrer in Jerusalem. Die Schule der Templer war überkonfessionell und international. Gleich nach Kriegsbeginn wurden die Siedler von den Engländern interniert und ein Teil von ihnen 1941 gegen Juden aus dem KZ Bergen-Belsen ausgetauscht. Darunter war auch Brigitte Kneher und ihre Familie. Göppingen sollte die neue Heimat werden.

Anfang der 1970er-Jahre zog Brigitte Kneher mit ihrem Mann und den beiden Kindern nach Kirchheim. Der Tempelgesellschaft blieb sie treu, über lange Jahre hat sie deren Archiv betreut. Anfang der 1980er-Jahre zog es sie dann ins Kirchheimer Stadtarchiv und sie begab sich auf Spurensuche von jüdischen Familien in der Stadt und damit mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus und deren systematischem Völkermord an den Juden. Viele konnten fliehen, andere wurden deportiert, sodass das komplette jüdische Leben in der Teckstadt ausgelöscht wurde. Die Sinti und Roma erlitten das gleiche Schicksal. Fortan hat sie sich der Aufarbeitung dieser Völker verschrieben. Ihre Erkenntnisse veröffentlichte sie und stellte Kontakte zu den Überlebenden her. Und dann schaffte sie ein kleines Wunder. Was für viele Juden aus Kirchheim undenkbar war, geschah dann doch: Sie betraten wieder deutschen Boden und besuchten ihre einstige Heimatstadt. Das war ausschließlich Brigitte Knehers Verdienst, die dieses Vertrauen geschaffen hat. Vor rund einem Jahr konnte sie ihren letzten Gast aus Übersee begrüßen. Nadia Vollweiler aus Buenos Aires ist die Enkelin von Fritz Vollweiler, der dem Holocaust entkam und in Kirchheim aufgewachsen war. Die junge Frau bekam eine Führung durch die Stadt - und selbstverständlich ging es auch an den Stolpersteinen vorbei.

Brigitte Kneher bot regelmäßig Stadtführungen zu diesem dunklen Kapitel an und stellte die Schicksale der Familien dar. Mindestens 30 Tragödien sind aus ihrer Sicht gesichert, sie ging jedoch von rund 100 Fällen aus. Regelmäßig war sie auch an Schulen zu Gast und sprach über die unrühmliche Zeit der Naziherrschaft und die Auswirkungen auf die Menschen in Kirchheim und darüber hinaus. Ihr großes Anliegen war „das Gedenken an das, was da passiert ist: Menschen, Mitbürger - auch Kirchheimer Mitbürger -, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, wurden einfach umgebracht“, sagte sie anlässlich eines Holocaust-Gedenktags im Schlossgymnasium.

Mit den Schulen in Kirchheim war Brigitte Kneher noch auf eine andere Art und Weise eng verbunden: dem Arbeitskreis Lern- und Hausaufgabenhilfe. Sie gehörte gemeinsam mit ihrem Mann zu den Gründungsmitgliedern. Jahrzehntelang gingen Generationen von Kindern und Jugendlichen meist in Dreier-Grüppchen in ihrem Haus aus und ein, es entstanden langjährige, persönliche Kontakte. Am Anfang stand die Förderung von ausländischen Kindern im Vordergrund, ihnen sollte damit die Eingliederung in Schule und Leben in Deutschland erleichtert werden. Später sind immer mehr deutsche Kinder dazu gekommen. Es wurde nicht nur gelesen und gerechnet, sondern auch gelacht und aufgemuntert. Iris Häfner

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