Kirchheim

Mit einem Star im selben Container

Die zweite Mannschaft der Turngemeinde Kirchheim ist für den Ehrenamtspreis nominiert

Vergangenes Jahr haben zwei Trainer der TG Kirchheim eine bunt gemischte Flüchtlingsmannschaft gegründet. Inzwischen sind sie Lehrer, Eltern und Kumpels in einem.

Alagie N. (Mitte) kennen alle seine Teamkollegen. In Gambia hat er in der ersten Liga gespielt, in Wendlingen lebt er als Asylbe
Alagie N. (Mitte) kennen alle seine Teamkollegen. In Gambia hat er in der ersten Liga gespielt, in Wendlingen lebt er als Asylbewerber.Fotos: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Es ist Mittwochabend, 19.30 Uhr. Das Training der TG Kirchheim ist schon in vollem Gange, wie an jedem Montag-, Mittwoch- und Freitagabend. 20 junge Männer rennen in Reihen über den Rasen und reißen die Knie in die Höhe. Der Schweiß fließt in Strömen. Dunkle Wolken ziehen langsam über dem Platz am Kirchheimer Stadion auf. Dem Treiben auf dem Platz tut das keinen Abbruch.

Die zweite Mannschaft der TG Kirchheim ist jung, motiviert und heiß darauf, nächste Saison endlich den Sprung nach oben zu schaffen. Vergangenes Jahr hatten sie den Aufstieg in die Kreisliga A um ein paar Plätze verfehlt. Es ist ein ambitioniertes Ziel für eine Mannschaft, die erst seit einem Jahr existiert. Doch Munya Chonyera, der Trainer der Jungs, ist davon überzeugt. Die neuen Spieler, die im Sommer zum Verein gekommen sind, sollen den Ausschlag geben. Überschattet werden die Aufstiegsträume nur von der ständigen Angst vor Abschiebung. Wer am Ende der Saison noch in Kirchheim ist, weiß niemand.

Chonyeras Spieler sind allesamt Flüchtlinge. Die meisten von ihnen sind im April 2015 in das Containerdorf in der Dettinger Straße in Kirchheim eingezogen. Einige kommen von außerhalb. Es war die erste reine Flüchtlingsmannschaft, die am offiziellen Betrieb des Württembergischen Fußballverbands (wfv) teilgenommen hat. Auch in der kommenden Saison werden sie im Spielbetrieb einzigartig sein. Bei ihren Gegnern sorgen sie für Aufsehen. Teils positiv, teils negativ. Sprüche à la „Macht das Licht an, jetzt wird‘s dunkel“ sind für sie keine Seltenheit. Doch sie machen weiter.

Sieht man sich die bunt zusammengewürfelte Mannschaft etwas genauer an, scheint der angepeilte Aufstieg nicht einmal zu hoch gegriffen. Laut Chonyera haben zwei der Spieler in ihrer Heimat Gambia schon in der ersten Liga gespielt. Mit den deutschen oberen Klassen ist das zwar kaum zu vergleichen, doch unter den Spielern hat es für witzige Momente gesorgt. „Viele Gambier haben sie gleich erkannt“, erzählt Chonyera. Zu Hause waren sie Berühmtheiten. In Deutschland schlafen sie in denselben Containern wie die anderen.

Integration, Kampfgeist, Teamarbeit: Die Mannschaft ist ohne Frage ein Vorzeigeprojekt. Die zweite Trainerin, Sabrina Wohlleben, sieht darin vor allem eins: eine große Familie. Sie und Chonyera haben das Projekt vor mehr als einem Jahr gegründet. „Als so viele Menschen Angst bekommen haben wegen der Flüchtlinge im Containerdorf, wurde uns klar, wir müssen was tun“, sagt sie. Wie viele Sorgen sie sich damals eingehandelt hatte, war ihr wohl zu dem Zeitpunkt nicht klar. Aus dem Fußballtrupp ist über die Monate weit mehr geworden. Munya Chonyera und Sabrina Wohlleben haben damit einen 24-Stunden-Job angenommen. Für die Männer sind sie weit mehr als nur Trainer. Sie sind die ersten Ansprechpartner in allen Belangen. Sie haben ihr 100-prozentiges Vertrauen. Das macht das Trainer-Duo ein bisschen stolz.

Die Gruppe ist ein eingeschworenes Team. So eingeschworen, dass sich Neue oft ein bisschen schwer tun. Wie kann so Integration funktionieren? Ganz einfach: „Wir ermutigen die Jungs, etwas zu leisten“, sagt Chonyera. „Die Jungs, die sich hier beim Training anstrengen, werden nicht mehr lang in den Containern wohnen“, prophezeit er. Für einige sind zwei Jahre in Deutschland jetzt verstrichen. Sie suchen Wohnungen, haben deutsche Freunde gefunden und können sich mit Schwaben unterhalten. Die Disziplin ist oft der Schlüssel zum Erfolg – nicht nur im Fußball.

Beim Training bleiben die Jungs unter sich. Da fühlen sie sich sicher. Versuche der Trainer, ihre Spieler in die erste Mannschaft des Vereins zu integrieren, sind meist gescheitert. Andersrum fällt es anderen oft schwer, sich im Team der Afrikaner zu integrieren. „Es ist eigentlich ziemlich interessant, dieses Spektakel mal in vertauschten Rollen zu erleben“, sagt Wohlleben. Die Flüchtlinge sehen, wie es ist, wenn plötzlich Fremde mitmischen wollen. Deutsche sehen, wie nervenaufreibend es ist, in eine eingespielte Gesellschaft einzudringen. Integration funktioniert nicht von einem auf den anderen Tag. Aber die Trainerin erkennt jeden Tag die Fortschritte. Und Munya Chonyera weiß, dass es klappt: Dem gebürtigen Simbabwer hat der Fußball vor 15 Jahren selbst beim Start im neuen Land geholfen.

Ehrenamtspreis 2: Besuch beim Fußballtraining der TG-FlüchtlingsmannschaftMit Trainer
Ehrenamtspreis 2: Besuch beim Fußballtraining der TG-FlüchtlingsmannschaftMit Trainer
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