Kirchheim

Mitspieler haben die „Turmmusicke“ auch mitkomponiert

Ereignis Vom Rathaus in Kirchheim erklingt jeden Samstag Bläsermusik. Von Ernst Leuze

Das Turmbläser-Ensemble auf dem Kirchheimer Rathaus. Foto: pr
Das Turmbläser-Ensemble auf dem Kirchheimer Rathaus. Foto: pr

Kirchheim. Erbauliche Turmmusicke für mindestens vier Himmel-& Bimmelrichtungen. Davon zu berichten, kann kaum erbaulich sein. Himmelbimmelnochmal! Ein Glück, dass der ambitionierte Prospekt kaum unter die Leute gekommen ist, denn wer interessiert sich schon für Erbauung, wer gar für Musicke und wer jongliert im Zeitalter des Navis noch mit Himmelsrichtungen?

Die Rede ist vom Turmbläser-event vor dem Kirchheimer Rathaus. Nein, viel seriöser: Es nannte sich sogar Festival mit dem Titel „Unter Beobachtung. Kunst des Rückzugs“. Verantwortlich die Kulturregion Stuttgart. Und da liegt der Hase im Pfeffer! Wo ist denn das Bewusstsein für unsere Kulturregion? Stuttgart steht wenigstens für S-21- Dauerdemonstrationen, für Feinstaub und VfB, vielleicht.

Doch eine Region? Greifbar wird sie im Nahverkehr und im Fernsehen. Doch was ist mit der Kultur, pardon Hochkultur? Da versucht das Konstrukt Kulturregion nachzuhelfen. Dreiundvierzig Städte im Land haben sich dazu zusammengeschlossen. Alle zwei Jahre finanzieren sie ein regionales Projekt und versuchen den Spagat zwischen Eigenständigkeit und Zugehörigkeit. Zu Kirchheim gehört seit fast 500 Jahren das regelmäßige Turmblasen. Vom Rathausturm herab werden Choräle gespielt. Auch wenn die Lieder fast niemand mehr kennt. Selbst in den Kirchen werden sie immer seltener gesungen.

Also doch Musicke? Ein Glück, dass endlich jemand für andere, für neue Töne sorgt - wenn auch nur für kurze Zeit. Zugehört haben die plappernden Passanten ja nicht gerade, genau so wenig wie bei Chorälen. Den Hals nach oben strecken bei den etwas schrägen Tönen war schon alles. Dabei gab es ja ganz solide Musik zu hören, geschickt gesetzt und gut ge-spielt. Der Komponist hat immerhin vier Stunden mit den Bläsern geprobt. Und das hat sich gelohnt, wie der Cheftrompeter Heribert Diemer hinterher mit leuchtenden Augen erzählte. Stolz zeigte er die Originalpartitur und die Stimmen. Diese haben sich die Musiker selbst herausgeschrieben. Sie sind in diesem Stück ja Mitkomponisten, wie es in der neueren Musik nicht selten ist.

Nach dem aleatorischen Prinzip entscheiden sie stellenweise selbst, welchen Takt sie wie oft spielen. Sehr gut haben sie das gemacht. Der Komponist war zufrieden mitsamt dem Oberbürgermeister, der mit seinem gut informierten Grußwort dem kleinen Häuflein von Funktionären vor dem Rathaus Bedeutung verlieh. Seine Stadt besitzt jetzt mit der originalen Turmbläserpartitur ein originelles Unikat.

Das Begleitprogramm lässt sich in den Schaufenstern des Kornhauses bestaunen. Dort sind akribisch ausgearbeitete graphische Partituren des Multitalents Renald Deppe zu bestaunen und auch Kostproben seiner Texte, die ihn als nachdenklichen Geist ausweisen. Spielerisch ernsthaft sein, es gelingt nur wenigen. An den nächsten Samstagen um halb zwölf ist die Turmmusicke nochmal zu hören. Und wer weiß, vielleicht lässt sich auch einer unserer regionalen Komponisten zu einer solchen Komposition anregen? 

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