Kirchheim

Mühelos durch die Stilwelt

Konzert Das Tübinger Saxofon-Ensemble besteht durchweg aus Amateuren. Bei ihrem Auftritt in der Kirchheimer Christuskirche merkt man davon nichts. Von Ernst Leuze

Neu herausgeputzt die Kirchheimer Christuskirche, aber tief in die Tradition dringend das Tübinger Saxofon-Ensemble. So war es am vergangenen Sonntag zu erleben. Harry D. Bath leitet seit sieben Jahren diesen bemerkenswerten Klangkörper und feiert mit ihm das 20-jährige Bestehen. Vielleicht rechtfertigt das auch die bescheiden-selbstbewusste Ansprache eines Gründungsmitglieds, noch bevor der erste Ton erklang.

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Solche Informationen wären besser im Programmzettel aufgehoben gewesen, denn überzeugender als jeder gesprochene Satz war die Musik selbst. Wie ein Naturereignis brach Johann Sebastian Bachs Symphonia aus seinem Osteroratorium herein und fegte alle Vorbehalte hinweg, wie denn das zusammenpassen könnte: Osteroratorium zu Beginn der Karwoche, Saxofon in der Kirche und auch noch Fledermausouvertüre von Johann Strauss. Ja, es wäre gar nicht gegangen, hätten moderne, scharf klingende Jazz-Saxofone ihr nervtötendes Gebelle durch die Kirche gejagt.

Doch die Zuhörer hörten historische Instrumente beziehungsweise moderne Nachbauten, die sich vor allem in der Gestaltung des Mundstücks unterscheiden, was den Saxofonen natürlich nicht von außen anzusehen ist, den Klang aber entscheidend verändert. Er ist weicher, biegsamer, nicht so aggressiv.

Bei den beiden Sopran-Instrumenten indessen war der Unterschied unübersehbar: nicht gerade gebaut wie eine Klarinette, sondern in der typisch gebogenen, ausladenden Form, putzig anzusehen, wie eine Miniatur. Doch was die beiden Virtuosinnen aus diesen kleinen Dingern herausholten, war völlig unglaublich. In allen Stücken hatten sie als Oberstimmen die Hauptlast zu tragen, wie die Violinen im Orchester. Und durchweg alle Arrangements, von Tercy Grainger und Albert Lorenz übrigens, fußten auf Orchesterwerken. Da stellt sich die Frage, warum denn keine Originalkompositionen? Die Antwort ist einfach: Wenn es überhaupt spezielle Werke für diese seltene Besetzung gibt, dann rechnen sie mit modernen Instrumenten. Das Tübinger Saxofon-Ensemble hat sich jedoch der alten Klangphilosophie verschrieben, die vom Gründer des legendären Raschèr-Quartetts wiederentdeckt und von seiner Tochter Carina weitergegeben wurde, zum Beispiel als Saxofonlehrerin vieler Mitglieder des Tübinger Kreises. Als Klarinettist bei den Berliner Philharmonikern propagierte Sigurd Raschèr (1907 - 2001) das Saxofon als Instrument für sinfonische Musik und Kammermusik und machte damit auch Weltkarriere. Auf seine Tradition beruft sich das Tübinger Saxofon-Ensemble. Und wer es am Sonntagabend gehört hat, weiß, es ist ein Glücksfall.

Ein heimlicher Wiener

Scheinbar mühelos schlüpft die Gruppe in die verschiedensten musikalischen Stile. Bei Johann Sebastian Bach hörte man ein Barock­orchester jauchzen, mit Naturtrompeten, Gesangssolisten ihre kunstvollen Koloraturen zelebrieren. Die Saxofone brachten nicht nur die vor Vitalität schier berstende Bewegungsenergie Bachs rüber, sondern mit der gleichen Selbstverständlichkeit auch die witzigen formalen Finessen der Saint-Pauls-Suite von Gustav Holst. Deren Hintergründe wurden von einem jungen Tenorsaxofonisten derart professionell referiert, dass man hätte einen Schauspieler vermuten können, dabei studiert er Physik, ist also Amateur, wie alle anderen Spieler auch.

Bis auf einen, Harry D. Bath, der einmal mehr seinen untrüglichen Instinkt für richtige Tempowahl ausspielte und mit seiner unmissverständlichen Zeichengebung die heikelsten Übergänge bei der Fledermausouvertüre meisterte. Vielleicht ist er doch in Wien geboren?

Nach der Pause war er als Opernkapellmeister gefordert bei der Carmen-Suite von Georges Bizet, genauer gesagt eine Melange der beiden Carmen-Suiten. Die dadurch entstandene Überlänge wurde gerettet vom schon erwähnten Conférencier, der aus dem Opernlibretto zitierend mit leichter Hand die Stationen der Handlung beschrieb.

Was bleibt nun außer der Erinnerung an ein fulminantes Konzert vor vollem Haus? Die Christuskirche ist nach dem Umbau auch ein exzellenter, intimer Konzertsaal geworden mit nachgerade idealer Akustik. Bei künftigen Zugaben mit dem türkischen Marsch sollten die beiden hervorragenden Schlagzeuger dem Mozart doch bitteschön das Janitscharensahnehäubchen aufsetzen.