Kirchheim

Musikalische Horizonterweiterung

Claas P. Jambors Auftritt war eine sympathische Angelegenheit auf gesanglich höchstem Niveau

Claas P. Jambor wurde eins mit seiner Gitarre im Kirchheim „LeseLaden“.Foto: Sabine Ackermann
Claas P. Jambor wurde eins mit seiner Gitarre im Kirchheim „LeseLaden“.Foto: Sabine Ackermann

Kirchheim. Um es gleich vorwegzunehmen: Claas P. Jambors musikalische Reise in tiefgründige Themen hätte ohne Frage mehr Zuschauer verdient. War es die Hitze, die Lust

auf Biergarten oder gar die Angst vor dem Unbekannten, – nicht alle haben den Rock- und Pop-Sänger auf dem Schirm –, dass dieser nur etwa zwei Dutzend Besucher in den „LeseLaden“ lockte? „Etwas Schwund ist im Sommer immer“, freut sich Inhaberin Karen Ziegler auch über den überschaubaren Kreis ihrer Gäste.

Ganz Profi, gibt der mit dem „unfassbar guten Kaffee“ gepuschte Künstler nicht nur auf musikalischer Ebene alles, obendrein lässt der bekennende Christ seine Entertainmentseite durchblicken: „Der schubst alte Frauen vom Nachttopf“, scherzt der 39-Jährige und bekennt sich augenzwinkernd dazu, am Anfang immer alles hinauszuzögern: „Dann muss ich nicht so lange spielen.“

Nachdem er die hinten sitzenden Zuschauer auf die vorderen freien Plätze lotste, ist er von der ersten bis zur letzten Sekunde eins mit seiner Gitarre. Selbst dann, wenn sich schwitzende Finger und Saiten als nicht besonders homogen erweisen oder er immer wieder zum Handtuch greifen muss, um sich den Schweiß abzuwischen.

Und das Publikum? Dem wurde es nicht nur wegen den hohen Temperaturen warm ums Herz. Es ist insbesondere die einzigartige Interpretation seiner beseelten Balladen wie „Take a look at me now“, „Stars“, „Truth“, „Open skies“ oder „Friend in need“, die einfach nur wunderschön sind. Alle lauschen mucksmäuschenstill seinem akzentuierten straighten Gitarrenspiel und der vieldimensionalen Stimmvirtuosität von vier Oktaven, die er freilich auch bei schwungvollen rhythmischen Stücken wie „Julie“, „Dance with me“ oder „All my life“ facettenreich zum Klingen bringt. Eine Achterbahn der Gefühle, hoch und tief, rauf und runter.

Dazwischen erzählt Claas P. Jambor, wie es um seine Lieder bestellt ist, erwähnt seine länger zurückliegende Depression, wegen der ihm ein guter Freund einen Tritt in den Hintern gab, und motiviert die Zuschauer zum Mitsingen und Mitklatschen. Mit über 100 Auftritten pro Jahr sorgt der begnadete Rock-Entertainer auf den Bühnen in aller Welt regelmäßig für Aufsehen: von Finnland über Israel bis zu den USA, begeisterte in Beirut, auf Berlins Waldbühne sowie in New York beim „Time Square Open Air“ und nun im beschaulichen Kirchheim. Geboren in Schleswig-Holstein, aufgewachsen in Amerika und Deutschland ist der 39-Jährige ein Wanderer zwischen den Kontinenten, was sich auch in seinen Songs widerspiegelt. Selten haben Texte so viel Bedeutung und Aussagekraft, animieren automatisch zum Nachdenken.

„Peace, tschüss, danke, dass ihr da wart, grüßt schön, tschau“ – so verabschiedet sich die glänzende Perle in den Tiefen des Unterhaltungsmeeres nach drei Zugaben und macht es wie zuvor dem Laufpublikum nach – er tankt frische Luft.

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