Kirchheim

Musikalische Leistungen der Extraklasse

Podium Zahlreiche Nachwuchskünstler beweisen bei traditionellem Konzert in der Kirchheimer Stadthalle ihr außergewöhnliches Können. Von Ernst Leuze

Musikalische Leistungen 
der Extraklasse
Musikalische Leistungen 
der Extraklasse

Das leiseste Instrument machte den größten Eindruck beim „Podium“, dem alljährlichen Konzert mit den Besten der Besten aus der Welt der Kirchheimer Jugendmusik. Am Tag der heiligen Cäcilie, dieses Jahr am 25. November, oder dem Tag der Hausmusik, wie er religiös neutral 1932! von einer deutschen Verlegerin ausgerufen wurde, besinnt man sich inzwischen in vielen Ländern auf den besonderen Wert der Musik. Selbst Menschen, die keinen Sinn mehr haben für Heilige oder Heiliges, erlebten in der Kirchheimer Stadthalle eine ans Religiöse grenzende Ehrfurcht, als sie junge Menschen mit einer Reife und Vollendung musizieren hörten, die sonst nur Erwachsene mit lebenslanger musikalischer Erfahrung erreichen.

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Julian Nürk erntet Bravos und frenetischen Beifall

Jedes Jahr war bisher eine Begabung dabei, die einem den Atem verschlägt und an Wunder glauben lässt. Diesmal war es Julian Nürk mit seiner Gitarre. Er spielte „La Catedral“ von Augustin Barrios Mangore (1859-1944). Im ersten Satz zeigte er eine fast übernatürliche Gabe für Agogik, im zweiten feinste dynamische Abstufungen. Sehr geschmackvolle Melodieführung gab es im Andante religioso. Bis, beim abschließenden Alle- gro, ein Reichtum an Klangfarben zu den schon beschriebenen Tugenden hinzutrat. Bravos und frenetischer Beifall! Bei Schülervorspielen stehen zu Recht die jungen Künstler im Vordergrund. Beim Podium erfährt man nicht einmal die Lehrer. Dabei können sie bei Hochbegabungen schicksalhaft fürs Leben sein. Musikpädagogen sind beim Vorspiel ihrer Schützlinge oft aufgeregter als die Spieler. Bei Julian und dem Musikschulleiter wird es nicht anders gewesen sein. Nach dem sensationellen Vorspiel weiß man nicht, wen man mehr bewundern soll. Julian und Hans-Peter Weyhmüller können stolz und dankbar sein. Eine so glückliche Konstellation ergibt sich meist nur einmal im Leben.

Wie wichtig der Musiklehrer für einen Jugendlichen ist, erweist sich auch in der Auswahl der Stücke. Zwischen Unter- und Überforderung ist es oft nur ein kleiner Schritt, und nicht jedes Stück eignet sich auch für jeden Spieler. Das wurde am Beispiel von Lukas Schilling klar. Dass der Kerl ein Händchen hat fürs Klavier, war nicht auf Anhieb zu hören bei seinem extrem unangenehmen Stück „Grillen“ von Robert Schumann, aus den Fantasiestückchen mit gar intrikaten Rhythmen. Zunächst klang es noch steif und fremd. Dann aber begann der große Steinway zu orgeln und zu singen, gerade noch rechtzeitig, bevor das kurze Stück schon aus war. Schade! Vor lauter Ehrgeiz ein zu schweres, zu kompliziertes Stück ausgewählt! Ähnliches konnte man auch beim darauffolgenden Klavierkonzert von Johann Sebastian Bach beobachten. Hier war die Pianistin Annika Etzler fast unterfordert, das exquisite Streichorchester jedoch überfordert. Doch halt! Beide waren von vornherein zum Scheitern verurteilt. Auch ein Glenn Gould hätte nicht viel mehr aus dem Stück herausholen können, das ursprünglich nicht für ein Tasteninstrument erfunden worden ist, sondern von Bach später für Cembalo eingerichtet wurde. Der dürre zweistimmige Klaviersatz gibt dem Pianisten nicht die geringste Chance zu virtuoser Entfaltung. Die Schülerin von Ekaterina Diptsev (warum wurde dieser Lehrername als einziger genannt?) konnte sich trotzdem Meriten erwerben. Sie setzte im Verlauf des ersten Satzes ihre richtige Tempovorstellung durch. Dabei verdienen auch der Dirigent Johannes Stortz und seine Truppe ein großes Kompliment, weil sie sich auf die sanfte Führung der Pianistin einließen. Im zweiten Satz brach dann jeglicher musikalischer Sinn zusammen. Die Pizzicato der Streicher viel zu leise, die Bassgruppe laut und plump, und die arme Melodie im Klavier ohne akkordliche Unterstützung. Wo war das Generalsbassinstrument, das die zu zaghaften Pizzicati hätte aufwiegen können?

Dass in dem Orchester qualifizierte Spieler sitzen, hörte man auch bei der Suite aus „Herr der Ringe“. Eine Flötengruppe, die makellos stimmt, seidige Streicher ohne Intonationsprobleme in hohen Lagen, ein Blech, das sich auf weite Strecken homogen einfügte und mit Helen Beck eine sattelfeste Sopranistin, die sich mit glockenklarer Stimme als Orchesterfarbe einbrachte bei dezenter elektrischer Verstärkung. Kein Wunder, dass Johannes Stortz den Besuchern vorschwärmte, wie stolz und glücklich er sei, mit solch guten jungen Musikern arbeiten zu dürfen. Das nahmen wir ihm auch gerne ab. Doch fürs nächste Mal soll er bitte ein wirkungsvolleres Stück aussuchen.

Da hatte es Takashi Otsuka mit einem Orchestersatz von Vivaldi besser getroffen. Der Italiener zieht ja immer und ist auch ideal geeignet, um Präzision und Intonation im Orchesterspiel einzuüben. Das ist den jungen Leuten unter dem gewichtigen Namen Junge Kammerphilharmonie auch erfrischend gut gelungen. Übrigens ging die orchestralste Wirkung des Abends nicht etwa von den Orchestern aus, sondern vom Hornquartett mit Johannes Funk, Stefan Kronmüller, Martin Reiter und Antonia Traub. Beim Unisono der Melodiestimme wähnte man sich geradezu im Opernhaus, besonders bei der Melodie des Pilgerchores aus Tannhäuser.

Zurück zu den Geigenspielern: Nach dem erfrischenden Vivaldi-Orchester konnte Pia Zehle ihre Qualitäten zur Geltung bringen. Lupenreine Intonation, Gespür für Tempi, eiserne Nerven bei kniffligen Stellen, die der Geigenvirtuose Fritz Kreisler in sein Präludium und Allegro im Stile von Gaetano Pugnano eingebaut hat. Ein so langes und schweres Stück durchzuhalten und noch mit einer saftigen Coda „sul G“ aufzugipfeln, das verdient großen Respekt.

Mit Lea Wolff folgte die zweite große Geigenbegabung. Sie spielte den ersten Satz des sogenannten Adelaide-Konzertes von Wolfgang Amadeus Mozart. Hatte man zuvor noch Pia Zehle bewundert, so lag man jetzt einer völlig anderen Geigerin zu Füßen. Ihr Vibrato ist weiter entwickelt, ihr Ton wärmer – liegt’s am Instrument? Ihre Intonation zwar nicht immer so unanfechtbar, doch mit welchem Geschick sie minimal verrutschte Töne blitzschnell korrigiert, das ist sehr bewegend. Und die Beherrschung der hohen Lagen einfach betörend.

Dass dieser so anspruchsvolle Konzertsatz so mühelos gelingen konnte, ist auch das Verdienst der phänomenalen Klavierbegleiterin Maka Jetter. Unter ihren Händen erzählte der Konzertflügel endlich, was er kann. Sternstunden der Begleitkunst!

Das galt auch bei Andante und Rondo für zwei Flöten und Klavier von Franz Doppler, geblasen von Apinaya Vithyapathy und Tabea Wolff, der Zwillingsschwester der Geigerin. Hey, wie das pfiff, seufzte, trällerte und schäkerte! Die beiden Mädchen lieferten mit Maka Jetter eine Ensembleleistung der Extraklasse ab. Vergleichbar nur mit dem Gitarrenspiel von Julian Nürk – und das ohne jeden Sichtkontakt zur Pianistin und einer Verschiedenheit der musikalischen Charaktere, wie sie größer kaum hätte sein können. Apinaya hochkonzentriert, streng, traumhaft sicher; Tabea hochkonzen- triert, biegsam und traumhaft anpassungsfähig. Da wurde jeder Takt dieser Musik, die kompositorisch ja nicht besonders anspruchsvoll ist, zu einer Offenbarung. Ich sah die heilige Cäcilie vor Rührung weinen und Pan begeistert zur Flöte greifen. Wer nicht dabei war, hat musikalische Wunder versäumt.

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