Kirchheim

Musikalisches Statement gegen die Krise

Konzert Der Liederkranz Kirchheim lässt ein spezielles Jahrzehnt lebendig werden. Er setzt Musik und Geschichten unterhaltsam in Szene. Von Günter Kahlert

Der Kirchheimer Liederkranz lässt die 1920er-Jahre musikalisch aufleben.Foto: Günter Kahlert
Der Kirchheimer Liederkranz lässt die 1920er-Jahre musikalisch aufleben.Foto: Günter Kahlert

Da lagen die Nerven ganz schön blank beim Kirchheimer Liederkranz. Das traditionelle Sommerkonzert steht an und die Generalprobe am Tag vorher geht völlig daneben. „Ich war fast geschockt, so schlecht waren wir noch nie“, erzählt Vorstand Klaus Bender. Kein Wunder, wenn da einige der Sänger eine unruhige Nacht vor der Premiere verbrachten und auch mal zur Beruhigung zu Baldrian griffen. Eine allerdings blieb cool: die junge Chorleiterin Anna-Maria Wilke. Das 22-jährige Energiebündel hat die Show nicht nur zusammengestellt, inszeniert und choreografiert, sie hat auch die Chormitglieder mental wieder aufgerichtet. Viele Gespräche und eine weitere Probe zwei Stunden vor dem Auftritt haben offensichtlich gewirkt: Die „20er-Jahre-Revue“ in der Kirchheimer Stadthalle war einfach großartig. Ein bestens aufgelegter und inzwischen deutlich entspannter Chor komplett im 20er-Jahre-Outfit, eine kurzweilige Show, voll besetztes Haus und ein begeistertes Publikum - die Mischung war perfekt. Was heute die „Charthits“ sind, waren damals schlicht „Gassenhauer“ oder wie es Anna-Maria Wilke zu Beginn des Konzerts ausdrückte: „der Hip-Hop der 20er-Jahre“.

Die Chorleiterin hat aber nicht einfach nur ein „Best-of“ der 20er-Jahre „runtergespult“, das wäre ihr zu wenig gewesen. Es war für die meisten Menschen damals eben nicht ein „Goldenes Jahrzehnt“, als das es oft verklärend bezeichnet wird. Die Folgen des Ersten Weltkrieges, die Inflation 1923, die Weltwirtschaftskrise 1929 - „golden“ war die Zeit ganz bestimmt nicht für alle.

Anna-Maria Wilke hat die Musik genau in diesen Kontext gestellt. Zu jedem Lied gab es eine Anmoderation in Reim-Form von der eigens engagierten Maren Ulrich, die selbst mit diversen Programmen rund um die 20er-Jahre unterwegs ist. Sie agierte nicht nur bei einigen Titeln als Solo-Sängerin, sie war vor allem das klassische „Nummerngirl“, das damals in den beliebten Revuen den nächsten Titel ankündigte. Da ist beispielsweise der „Schöne Gigolo“, der nichts anderes war als ein ehemaliger, inzwischen arbeitsloser Offizier, oder der Titel „Mir geht’s gut“ als trotziges Statement gegen die Weltwirtschaftskrise. Selbst „Wochenend’ und Sonnenschein“ bekommt vor dem Hintergrund der damaligen Sechs-Tage-Woche eine ganz eigene Bedeutung.

Was jetzt irgendwie ein bisschen „verkopft“ klingt, war überhaupt nicht so. Eher Spaß mit Tiefgang, eine unterhaltsame Revue mit einem passenden Bühnenbild: eine Litfaßsäule mit alten Plakaten, vier Birken, zwischendurch ein Grammofon auf der Bühne und im Hintergrund stilisierte Schellack-Platten am Vorhang. Der Badezuber für das „Fräulein Helen“ durfte natürlich auch nicht fehlen, ebenso das kleine Tischchen mit schön altmodischer Kaffeekanne samt passenden Tässchen für die „kleine Konditorei“. Den richtigen „Soundtrack“ lieferte der Pianist Michael Holder, ein Studienkollege Anna-Maria Wilkes an der Stuttgarter Musikhochschule.

Eine wundervolle Inszenierung der jungen Chorleiterin, die aber keineswegs gelobt werden will. „Ich bin nicht wichtig“, sagt sie im Gespräch mit Nachdruck. Kann man aber so nicht stehen lassen. Sie ist die Seele des Ganzen, das spürt und sieht jeder, wenn sie auf ihrem flachen Pult vor der Bühne die ganze Sache engagiert und temperamentvoll im Griff hat, jede Sekunde voll konzentriert und der Anker für das ganze Team ist. Die 22-Jährige hat es sogar geschafft, dass der Chor komplett frei ohne Notenblätter singt. „Das ist für unseren Chor eine riesige Herausforderung“, meint Vorstand Klaus Bender dazu. Anna-Maria Wilke wollte einfach, dass die ganze Sache locker wird. „Sie singen besser, wenn sie sich bewegen. Vor allem die Männer schauen nur noch in die Notenblätter, wenn sie welche haben, und nicht mehr auf mich“, bemerkt sie lächelnd dazu. Also konnte der Chor bei Bedarf den kompletten Text von den Lippen der jungen Frau ablesen. Wie nennt man so was? Pantomimische Souffleuse vielleicht. Es hat auf jeden Fall perfekt funktioniert. Schade eigentlich, dass es bei einer einzigen Aufführung bleibt.

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