Kirchheim

Nachgefragt bei Nils Opitz-Leifheit

Wird die Alterung der Gesellschaft, auch als „Schreckgespenst“ missbraucht?

Auf jeden Fall. Viele, die den Sozialstaat umbauen wollen, die Kosten sparen wollen, nutzen die Demografie ganz bewusst, um Horrorszenarien aufzubauen. So kann man scheinbar „alternativlos“ Kosten sparen und Leistungen streichen.

Stimmt mit den Prognosen etwas nicht?

Viele Untersuchungen zeigen, wie sehr solche Prognosen völlig in die Irre leiten, weil man nicht einfach hochrechnen darf, was heute an Kosten und Zahlen da ist und dann sozusagen Horrorszenarien daraus basteln. Das ist missbrauchte Wissenschaft, aber so etwas gibt es schon seit fast hundert Jahren.

Was kann man dagegen tun?

Jeder Einzelne, alle Politiker und Parteien müssen sehen, dass sie dem durch ganz sachliche, nüchterne Abwägung entgegenwirken. Entscheidend ist, was ist machbar, was kann eigentlich beeinflusst werden und an welchen Stellschrauben muss gedreht werden.

Anderes Thema: ältere Autofahrer und Verkehrstüchtigkeit. Ignoriert die Politik die Fakten?

Ganz genau. Aber das wird sich ändern. In dem gleichen Maße, wie das Problem durch mehr Senioren im Verkehr wachsen wird, werden auch immer mehr Wähler davon betroffen sein. Die Politik drückt sich im Moment vor sämtlichen Entscheidungen, aber ich glaube, dass wir eines Tages nicht mehr darum herumkommen werden, Regelungen zu treffen.

Was heißt das konkret?

Die Senioren liegen in der Unfallhäufigkeit heute schon an zweiter Stelle hinter den 18- bis 25-Jährigen. Wenn die Zahl der hochbetagten Verkehrsteilnehmer stark ansteigt, wird sich die Diskussion um Eignungstests nicht mehr ewig wegdrücken lassen. Nur Freiwilligkeit kostet irgendwann einfach zu viele Menschenleben.gk

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