Kirchheim

Nachsitzen für ein Klimaprojekt

Schulunterricht Auch aus Kirchheim sind Schüler bei den großen „Fridays-for-Future“-Demonstrationen in Stuttgart dabei – ein Verstoß gegen die Schulpflicht. Was denken Schulleiter darüber? Von Peter Dietrich

Friday for Future Bundesweit hat die Fridays for Future -Bewegung zum Schulstreik für den Klimaschutz aufgerufen, in Stuttgart f
Friday for Future Bundesweit hat die Fridays for Future -Bewegung zum Schulstreik für den Klimaschutz aufgerufen, in Stuttgart folgten dem Aufruf mehrere Hundert Schüler. Stuttgart Baden-Württemberg Deutschland *** Friday for Future The Fridays for Future movement has called a school strike for climate protection in Stuttgart. Several hundred students from all over Germany responded to the call. Download am 28.03.2019 für Teckbote

Lucia Heffner, Schulleiterin des Schlossgymnasiums, bringt es auf den Punkt: „Es besteht Schulpflicht, die Rechtslage ist eindeutig.“ Sie hat die Fehlzeiten in der Mittel- und Oberstufe bei der letzten großen Freitagsdemo genau erfasst. „Es gibt 17 Schüler, die sagen, sie waren bei der Demo.“ Hinzu kommen noch Schüler, denen die Eltern eine Krankmeldung geschrieben haben. „Ich kann das nicht hinterfragen.“ Im ersten Fall ist für die Schulleiterin die Lage aber eindeutig: „Diese Schüler haben unentschuldigt gefehlt.“ Damit sei klar: Sie müssen die Unterrichtszeit nachholen.

Sie müssen das am Schlossgymnasium aber auf eine besondere Weise: mit einem Klimaprojekt, über das sie selbst entscheiden dürfen. „Ich nehme die Schüler ernst“, sagt Lucia Heffner. „Beim Thema Nachhaltigkeit kann sich jeder an die eigene Nase fassen. Der hohe Ressourcenverbrauch, den wir haben, muss schließlich auf Kosten der anderen gehen.“ Für ein Klimaprojekt habe sie ganz viele Ideen, aber sie halte sich zurück: „Jetzt sind mal die Schüler dran. Ich bin sehr gespannt.“ Die Schüler bekämen die nötige Hilfe und Begleitung: „Sechs Kollegen unterstützen mich.“

„Dem Argument, Demos während der Unterrichtszeit bekämen eine höhere Aufmerksamkeit, kann ich nicht folgen“, sagt Lucia Heffner. „Es kann nicht sein, dass Schüler jeden Freitag fehlen, dass wir freitags keine Schule mehr haben.“ Schüler, die sich auf ihr Abitur vorbereiteten, hätten ihr gesagt, sie fänden es schlecht, dass die Demos während der Unterrichtszeit seien. „Sie gingen deshalb nicht hin, außerhalb des Unterrichts würden sie es aber tun, haben sie gesagt.“

Die Schulleiterin ist sich mit dem Lehrerkollegium einig: „Wir freuen uns alle, dass die Schüler mal wieder politisch sind.“ Sie hofft auf ein Weiterdenken: „Wie wäre es, wenn Schüler sich mit den Auswirkungen der Smartphones auf die Umwelt beschäftigen? Mit der Umweltbelastung für die Produktion eines T-Shirts und der Frage, wie oft sie ein neues brauchen?“ Nachhaltigkeit sei ein Ziel im Bildungsplan und Thema im Unterricht. Die Fächer Gemeinschaftskunde und Geografie seien für die demokratische Bildung besonders geeignet und wichtig: „Diesen würde ich mehr Raum wünschen.“ Das Klimaprojekt, sagt Lucia Heffner, stehe natürlich auch den am Freitag Krankgemeldeten offen. „Die dürfen auch dazu.“ Und es dürfe aus dem Projekt gerne mehr entstehen: „Vielleicht wird ja eine Umwelt-AG daraus.“

„Schulstreik ist nicht akzeptabel“, sagt auch Georg Braun, Schulleiter des Ludwig-Uhland-Gymnasiums (LUG). Das sei unentschuldigtes Fehlen. „Man könnte auch am Freitagnachmittag demonstrieren.“ Gleichzeitig betont er: „Ich finde es sympathisch, dass wir wieder eine politische Jugend erleben, ich habe das lange vermisst.“ Die Proteste erinnerten ihn an eigene Aktivitäten in den 80er-Jahren, ausgelöst durch den Reaktorunfall in Tschernobyl. „Ich kann die existenzielle Angst der Jugendlichen nachvollziehen.“

Nachhaltigkeit gehöre zum Bildungsplan. Es gebe am LUG bereits Projekte wie die Streuobstwiese und Bienen. Nun würden die Projekte verstärkt. Das entspräche der Bitte von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker. Es soll, so ein Projekttitel, „kLUG into the future“ gehen. „Fachlehrer aus Geografie und Biologie und die SMV wollen eine Blumenwiese anlegen, die SMV das Thema Mülltrennung angehen, die Siebtklässler wollen eine Umwelt AG gründen, bei den Projekttagen zum Schuljahresende wird Nachhaltigkeit ein wichtige Rolle spielen.“ Das Thema solle in die Lebenswirklichkeit der Jugendlichen dringen: „Wie ist das mit der großen Reise nach dem Abitur?“ Die Neuntklässler hat Georg Braun gerade eine Erörterung zu den „Fridays for Future“ schreiben lassen. Wie viele Schüler zu den Demos fahren, kann er nicht präzise sagen. „Ich weiß keine Zahlen, habe aber den Eindruck, das nimmt zu.“

Nun könnte es sein, dass vier LUG-Schüler ganz legal zur freitäglichen Demo dürfen. Die Neuntklässler haben sich mit dem journalistischen Stilmittel der Reportage beschäftigt und sich bei der praktischen Übung für die Demos entschieden. „Dafür könnte ich sie ausnahmsweise beurlauben“, sagt Georg Braun.

Die Solidaritäts-Delegation des Forums 2030.Foto: pr
Mitglieder des Forums 2030 bei einer Solidaritätsaktion: Über die Osterfeiertage wollen sie Flagge für den Frieden zeigen. Archivfoto: pr
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