Kirchheim

„Neue Sprache“ zerreißt das EnsembleEs fehlt am Lockmittel

Neubau Architekten stellen im Gestaltungsbeirat der Stadt Kirchheim ihre Ideen für das neue Restaurant Waldhorn vor – einschließlich verputzter Giebelfassade mit großen Fenstern. Von Andreas Volz

Das alte Restaurant Waldhorn wird abgerissen. Schon im Juni hatte sich das abgezeichnet. Nun aber haben die beiden Stuttgarter Architekten Franco Berardi und Jan Keinath erstmals dem Gestaltungsbeirat der Stadt Kirchheim und der interessierten Öffentlichkeit ihre Pläne für einen Neubau vorgestellt. Ergebnis: Vom alten Gebäude bleibt demnach rein gar nichts erhalten – allenfalls die Maße von Grundriss und Giebel. Geplant ist zwar ein Dachstuhl aus Holz, aber keine Fachwerkfassade mehr. Was den Giebel zum Marktplatz außerdem auffällig verändern dürfte, ist ein nahezu raumhohes Fenster, das sich über die gesamte Breite des ersten Obergeschosses erstrecken soll.

Franco Berardi ging ausführlich auf die Aufgabenstellung ein: „Es geht darum, wieder ein Gebäude zu planen – für einen hochwertigen gastronomischen Betrieb.“ Dazu gehörten Weinkeller, Gastraum, Veranstaltungsraum, Küchenbereich, Nebenräume und Lagerflächen. Das Gebäude solle einen behaglichen, vertrauten Charakter erhalten, der eine gewisse Heimeligkeit vermittelt. Das erfolge über „ehrliche und hochwertige Materialien“. Das Gebäude erstehe in Anlehnung an einen historischen Baukörper. „Es wird aber nicht historisierend gebaut, sondern in neuer Form und neuer Sprache: ein Gebäude, das der heutigen Zeit entstammt.“

Die Firsthöhe sei es, die das Waldhorn bislang deutlich von den Nebengebäuden absetze. Das soll auch weiterhin so sein. Ansonsten aber gibt es noch sehr viel mehr, was das Waldhorn künftig von der Umgebungsbebauung absetzen wird. Die einmalige Ensemblewirkung der Fachwerkhäuser am westlichen Marktplatz jedenfalls dürfte für immer verloren sein. Dennoch sind die Architekten der Meinung, dass das Haus seinen Charakter erhalten soll: „Holz muss erfahrbar sein.“ Deswegen sei ein Dachstuhl aus Holz geplant, der den gesamten oberen Raum als Veranstaltungssaal einnimmt. Damit dieses Holz auch von außen wahrnehmbar ist, soll das breite hohe Fenster den Blick vom Marktplatz aus auf den Dachstuhl im Inneren ermöglichen.

Jan Keinath sprach vom Holz als Grundlage einer Tragwerkkonstruktion, ohne dass diese Konstruktion sichtbar wird. Hinzu komme nämlich die Dämmung und eine Verkleidung als Wetterschutz. Die geplante Giebelfassade, die komplett verputzt ist um die großen Fenster herum – von denen auch im Erdgeschosssockel drei vorgesehen sind –, bezeichnet Jan Keinath als „klar gegliedert“. Das neue Waldhorn sei „ein neuer Stadtbaustein im historischen Gefüge Kirchheims, der die Körnung der umgebenden Altstadt trifft“.

Während die historisch interessierten Bürger in der Sitzung des Gestaltungsbeirats mit immer größerem Entsetzen zuhörten, stellte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker fest: „Es ist wichtig, dass das Waldhorn wieder zur Belebung des Marktplatzes beiträgt.“ Nach ihrem Gefühl seien die Öffnungen im Erdgeschoss gut, aber das große Fenster im ersten Stock wollte sie nicht gutheißen: „Das scheint mir doch eine sehr große Öffnung zu sein. Für mich ist das fremd in Kirchheim.“

An diesem Fenster entzündete sich die Diskussion, wobei es nur noch um Details ging – etwa um die Frage, ob es nach innen versetzt werde und so eine Art Balkon oder Loggia freigebe, ob es einen Holzrahmen erhält oder vielleicht doch erst in Kniehöhe des Veranstaltungsraums beginnen solle.

An solchen Details können die Architekten noch feilen, darauf hat sich der Gestaltungsbeirat geeinigt. An den Grundsätzen der Planung dürfte sich allerdings kaum mehr etwas ändern, zu sehr drängt der Oberbürgermeisterin zufolge mittlerweile die Zeit: „Der Investor sitzt schon sehr lange auf einem Gebäude, das er sehr viel schneller nutzen wollte als bisher.“ Das bestätigte Robert Ruthenberg. Er hat das Waldhorn 2015 übernommen und das Hotel nahtlos weiterbetrieben. Das Hotel ist denn auch weder vom Abriss noch vom Neubau betroffen. Beim Restaurant sieht es anders aus: „Da bin ich ziemlich am Anschlag. Ich muss eigentlich nächsten Herbst eröffnen.“

In ihrem Schlusswort wurde Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker unfreiwillig pathetisch, als sie vom großen öffentlichen Interesse sprach – „an dem, was da geschieht an dieser Stelle auf dem Marktplatz und damit mitten in unserem Herzen“. Gemeint hatte sie freilich nur: „... mitten im Herzen unserer Stadt“.

Die Euphorie ist der Ernüchterung gewichen: 2015 war es höchst erfreulich, dass im Waldhorn der Restaurantbetrieb möglichst bald wieder aufgenommen werden sollte. Dann allerdings geriet die Sanierung zur Hängepartie. Ein Jahr später erneute Erleichterung: Nach den Aussagen aller Beteiligten war davon auszugehen, dass das Gebäude zwar abgerissen wird, dass stattdessen aber ein neuer Fachwerkbau entstehen würde.

Und nun das: eine verputzte Fassade mit einem „Schaufenster“, das niemals in ein Obergeschoss der historischen Altstadt passt. Den Kritikern – die allerdings nicht zu den mitsprache­berechtigten Architektur-Experten gehören – erscheint das als der endgültige Ausverkauf der Fachwerkstadt Kirchheim.

Das große Problem ist das Stichwort „historisierend“. Es scheint ein Schimpfwort zu sein, weil der gesamte Historismus als rückwärtsgewandt abgetan wird, als epigonenhaftes Treiben ohne eigene Kraft und eigene Substanz – beinahe schon als Spuk, den es zu verscheuchen gilt. Deshalb setzt der moderne Architekt, der etwas auf sich hält, auf den krassen Gegensatz, einen möglichst auffallenden Neubau. Wem das nicht gefällt, der gilt als bemitleidenswerter Einfaltspinsel.

Schade eigentlich, denn die neue Fassade des Waldhorns wird keinen einzigen Touristen nach Kirchheim locken.

Kommentar Andreas Volz zum Neubau des Waldhorns

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