Kirchheim

Nicht mehr Hand in Hand?

Bürokratie Weil die Papiere fehlen, dürfen zwei Asylbewerber im Senioren- und Pflegeheim Haus Kalixtenberg in Weilheim ihre Ausbildung nicht weiterführen. Von Iris Häfner

Ein Leben zwischen Hoffen und Bangen - so sieht der Alltag von Endalk aus Eritrea und Lamin aus Gambia aus. Etwas geknickt sitzen sie am Tisch im DRK-Senioren- und Pflegeheim Haus Kalixtenberg in Weilheim. Der Geschäftsführer der Einrichtung, Stefan Wiedemann, zwei Mitarbeiterinnen, Marianne Gmelin vom AK Asyl und die „Kümmerin“ Uscha Raichle sitzen ebenfalls am großen Besprechungstisch.

Lamin vollendet demnächst sein erstes Lehrjahr als Altenpfleger. Die gezielte Deutschförderung hat Früchte getragen, die Verständigung mit den Bewohnern funktioniert, einschließlich schwäbischer Wörter, er und Endalk sind beliebt. „Alte Menschen haben in den Ländern, wo die beiden herkommen, einen hohen Stellenwert. Denen muss ich nicht erst noch beibringen ,Guten Morgen‘ zu sagen, wenn sie zu den Bewohnern ins Zimmer gehen“, weiß Stefan Wiedemann seine afrikanischen Mitarbeiter zu schätzen. Sie sind hoch motiviert. „Wo bekomme ich solche Leute her? Ich brauche Leute, die diese Arbeit gern machen“, zeigt er sein Dilemma auf. Die Personalnot in den DRK-Häusern im Altkreis Nürtingen brennt dem Geschäftsführer unter den Nägeln. Er hatte mit beiden Afrikanern Verträge abgeschlossen, die nun als nichtig gelten, weil Lamin und Endalk keine gültigen Papiere haben. Die Hemmschwelle für einen gültigen Ausbildungsvertrag ist der Identifikationsnachweis und damit das Problem für Endalk und Lamin. Hier ist zwischenzeitlich ein Umdenken im Gange. Abgeschoben werden kann dann nur noch, wer Papiere hat.

Die Motivation von Lamin und Endalk ist auf dem Null-Punkt angelangt. Sie wissen: Sie können heute oder morgen abgeschoben werden. „Das ist ein Problem für alle. Keiner hat Sicherheiten - auch wir mit unseren Dienstplänen nicht“, sagt der Geschäftsführer, der diesbezüglich die Welt nicht mehr versteht. „In China wirbt man Pflegekräfte für Deutschland an und hier haben wir Afrikaner, die deutsch können, ihren Job gern machen, und die abgeschoben werden sollen.“

Die Asylbewerber wollen Altenpfleger werden. Fotos: Markus Brändli
Die Asylbewerber wollen Altenpfleger werden. Foto: Markus Brändli

„Ich frage mich, warum die Regierung Gesetze erlässt, die dann nicht angewandt und umgesetzt werden“, fragt sich Uscha Raichle. Lamin arbeitet wieder für 80 Cent die Stunde und hält seine Dienstpläne ein, obwohl er sein Gehalt von rund 720 Euro verloren hat. „Der deutsche Steuerzahler muss jetzt wieder für ihn aufkommen, vorher konnte er mit seinem Gehalt sein eigenes Leben gestalten“, sagt Uscha Raichle. Diese ständige Ungewissheit zehrt an den Nerven des jungen Mannes. Er findet keine Ruhe zum Lernen, kann nicht gut schlafen. Im Juli 2016 ist er in Deutschland angekommen, bereits im November hat er ein Praktikum im Kalixtenberg begonnen. Er ist von sich aus gekommen. „Egal was, ich will arbeiten“, hat er damals gesagt. Im April 2017 hat er dann mit der Lehre begonnen, die nun auf Eis liegt. Ihm gefällt die Arbeit, er hilft gern alten und bedürftigen Menschen. „Wie gut er die Sprache spricht, zeigt, welche Motivation dahinter steht“, lobt ihn Uscha Raichle.

Vieles hängt an den fehlenden Papieren. Lamin hat keinen Pass. Den hat er nicht etwa verloren, sein Land stellt insbesondere jungen Männern keinen aus. Auch eine Geburtsurkunde hat er nie besessen. Zu seiner Familie nimmt er aus Sicherheitsgründen keinen Kontakt auf. Der Vater, ein Apotheker, ist in Gambia in der Opposition und dadurch Repressalien durch die Polizei ausgesetzt. Uscha Raichle hat mit ihrem Schützling eine wahre Odyssee hinter sich, um an einen Identifikationsausweis zu kommen. Der Generalkonsul in Stuttgart kann weder Pässe noch Geburtsurkunden ausstellen, eine gambische Botschaft gibt es in Deutschland nicht, der nächste Botschafter hat seinen Sitz in Brüssel. Dann braucht es einen Vertrauensanwalt in Gambia. „Zwei E-Mail-Adressen, die der Stuttgarter Konsul genannt hat, haben nicht gestimmt. Zwei weitere Anwälte können, wollen oder dürfen nicht antworten“, zeigt Uscha Raichle das Dilemma auf.

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Foto: Markus Brändli
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