Kirchheim

Nicht selten führt die Angst zum Arzt

Die Zahl der Arztbesuche ist besonders montags extrem hoch

Die Glieder schmerzen, der Kopf dröhnt – ein Fall fürs Bett oder den Hausarzt? ­Pillenschachtel oder ­Krankschreibung?

Der Besuch beim Hausarzt verschafft Gewissheit über den eigenen Gesundheitszustand.Fotos: Jean-Luc Jacques
Der Besuch beim Hausarzt verschafft Gewissheit über den eigenen Gesundheitszustand.Fotos: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Tatsache ist, dass kaum ein Land so viele Arzt-Patienten-Kontakte hat wie Deutschland. Laut einer aktuellen Veröffentlichung der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg gehen an einem ganz gewöhnlichen Montag etwa acht Prozent aller Deutschen zum Arzt.

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung schrillen längst die Alarmglocken. „Auf Dauer ist die unkoordinierte Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen weder finanzierbar, noch sind die dafür erforderlichen Kapazitäten vorhanden“, schreibt Pressesprecher Kai Bauer im aktuellen Mitteilungsblatt der KVBW. Seitens der Verantwortlichen wird gelegentlich der Praxisgebühr nachgetrauert. Möglicherweise habe sie regulierende Wirkung gehabt, da beim ersten Arztbesuch im Quartal zehn Euro fällig wurden. Im November 2012 wurde sie allerdings mit den Stimmen aller Fraktionen auf Drängen der FDP abgeschafft. – Zu viel Bürokratie in der Arztpraxis.

„Es gibt viele Gründe, dass ärztliche Leistungen hier mehr als anderswo in Anspruch genommen werden“, sagt dazu der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich, seit Langem im Bundesausschuss für Gesundheit tätig. Dazu gehören gestiegener Stress im Beruf, oftmals fehlende familiäre Strukturen, eine wachsende Verunsicherung und vieles mehr. Unvermeidbar sei jedoch, diese Zahlen zu steuern. „Wir müssen hinterfragen, weshalb wir mittlerweile 19 Arztkontakte pro Jahr und Person in Deutschland haben und wa­rum es in anderen Ländern deutlich weniger sind“, argumentiert der Experte. Abhilfe könnte unter anderem mehr Telemedizin schaffen, im englischsprachigen Raum „E-Health" genannt. Bessere Vernetzung und Verzahnung von Ärzten ist ein weiterer von vielen Punkten, die sparen helfen könnten. Aus Gründen der Finanzen und der medizinischen Ressourcen ist auch für Hennrich ein Patientensteuerungssystem unumgänglich. Zentrale Rolle wird hierbei dem Hausarzt zukommen.

Die Mediziner vor Ort kennen das Grundproblem. Für Dr. Thomas Löffler nimmt das Thema Angst zentralen Stellenwert ein: „Wir sind eine verängstigte Gesellschaft“, sagt der Kirchheimer Internist und Hausarzt, der sich und seine Kollegen zu 50 Prozent in der Rolle von Psychologen wiederfindet. Die Tatsache, unsicher zu sein im Umgang mit dem eigenen Körper, zeige eine tiefe persönliche Verunsicherung und einen Mangel an Vertrauen. Die Gesellschaft setze auf Funktion, nicht auf Wertschätzung, was wiederum die Angst des Einzelnen verstärke. „Die Grundangst offenbart sich in Dingen wie ständiger Zertifizierung und Zeitmanagement“, meint Löffler und fordert als Gegenbewegung eine Umkehr zu mehr „Fehlerfreundlichkeit“.

Der Hang zur Perfektion scheint typisch Deutsch: „Arbeitslosigkeit macht hier bei uns mehr Menschen depressiv als anderswo“, argumentiert Löffler. Dahinter steckt der drohende Verlust von Statussymbolen. Statt eine „Flatrate-Mentalität“ der Patienten zu beklagen, will Löffler also lieber von einer „Flatrate-Angst“ sprechen. Dies gelte es zu beenden. Doch dazu müsse ein Umdenken in Betrieben und Köpfen erfolgen. Im Übrigen ist es für den langjährigen Hausarzt kein Wunder, dass nach einem Wochenende die Zahl der Patienten höher sei als anderntags: 20 Prozent mehr am Montag halte ich für absolut normal“, betont Thomas Löffler.

Geschätzt gut 30 Prozent mehr Patienten als sonst tauchen auch montags ohne Termin beim Kirchheimer Internisten und Hausarzt Dr. Klaus-Peter Herzberg auf. – Ein Plus, das sich durch entsprechende Praxisorganisation regeln lässt und das auch für ihn logisch ist angesichts längerer Unerreichbarkeit des Hausarztes. Viele Fragen stauen sich am Wochenende nun mal auf. Nur ganz vereinzelt handle es sich dabei um Zeitgenossen, die nach einem anstrengenden Wochenende nicht rechtzeitig aus dem Bett gefunden hätten.

Dass die Schwelle, einen Arzt aufzusuchen im vergangenen Vierteljahrhundert gesunken sei, hat der Kirchheimer Mediziner nicht bemerkt. „Sie war immer schon recht niedrig“, meint er und sieht darin auch Gutes: Schließlich könnten so auch immer wieder scheinbar banale, aber eben doch ernste Erkrankungen aufgedeckt werden. Steigende Krankenzahlen sieht Herzberg nicht, zumal viele heutige Jobs insgesamt weniger krankmachend seien als früher, durch zahlreiche Sicherheitsvorkehrungen. Insgesamt sei zumindest bei Bürgern mit eher höherem Bildungsstand eine Tendenz zum achtsameren Umgang mit sich selbst zu erkennen.

Wer geht wie oft und warum zum Arzt?

18 Mal im Jahr ging jeder Kassenpatient in Deutschland im Jahr 2008 laut einer Auswertung der Barmer GEK zum Arzt. Damit hatte die Zahl der Arztbesuche einen Höhepunkt erreicht. Die häufigsten Diagnosen: Rückenschmerzen, Bluthochdruck, Sehstörungen. Etwa 40 Mal im Jahr gehen 25 Prozent der Versicherten zum Arzt. Ein weiteres Viertel so gut wie nie, der Rest liegt dazwischen. Der Mittelwert ergibt sich also aus einer verhältnismäßig kleinen Patientenschar mit besonders großem Betreuungsbedarf. Krankschreibungen sind laut Untersuchung der Uni Magdeburg 2015 häufig Anlass für Arztbesuche. Die Wissenschaftler ziehen Vergleiche zu Norwegen. Dort kann man sich einige Tage selbst krankschreiben. Dennoch seien die Fehltage seit Jahren rückläufig. ist

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