Kirchheim

Nur der Normalbetrieb hat Pause

Kreiskrankenhäuser Die Medius-Kliniken sind dabei, die Zahl der Plätze in der Intensiv-Medizin fast zu verdoppeln. Bisher sind dort 14 Betten belegt. Die größte Sorge bereitet der Nachschub mit Schutzausrüstung. Von Bernd Köble

Das Team auf der Intensivstation des Kirchheimer Krankenhauses ist rund um die Uhr im Einsatz.Foto: Medius-Klinik
Das Team auf der Isolationsstation des Kirchheimer Krankenhauses ist rund um die Uhr im Einsatz. Foto: Medius-Klinik

In den Krankenhäusern im Kreis ist die Lage angespannt, aber noch nicht bedrohlich. Wir haben beim Medizinischen Direktor der Medius-Kliniken, Dr. Jörg Sagasser, und dem Kirchheimer Chefarzt Prof. Dr. Bernhard Hellmich nachgefragt, ob das so bleibt.

 

Herr Hellmich, wie viele Stunden hat zurzeit der Arbeitstag Ihrer Mitarbeiter auf den Intensivstationen?

Hellmich: Wir mussten die letzten Tage und Wochen viele neue Prozesse einstellen, Dienstpläne anpassen und neue Schichten einführen. Dadurch verlängert sich natürlich die Arbeitszeit. Alle unsere Mitarbeiter arbeiten mit viel Engagement bis in den Abend und am Wochenende. Das gilt aber nicht nur für die Medizin, sondern auch für die zuarbeitenden Bereiche.

Wie viele Intensivplätze stehen Ihnen im Moment zur Verfügung?

Sagasser: Wir haben an drei Kliniken regulär 29 Beatmungsplätze. Das konnten wir um 15 Plätze erweitern, indem wir zum Beispiel aus dem OP-Bereich Geräte verlagert haben. Im Moment haben wir 44 Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit. Unser Ziel sind aber 54 Plätze. Da müssen wir uns noch etwas strecken, aber wir arbeiten dran.

Wie viele davon sind tatsächlich mit Corona-Patienten belegt?

Hellmich: Wir haben knapp 50 infizierte Patienten und mehr als 50 Verdachtsfälle, die wir gerade abklären. Von den 50 positiven Fällen liegen 14 auf den Intensivstationen. Wiederum die Hälfte davon wird beatmet. Wir mussten auch schon Patienten mit sehr schwerem Verlauf verlagern, die an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen werden mussten.

Gibt es Todesfälle?

Hellmich: Wir hatten einen Todesfall ganz am Anfang. Ein Patient höheren Alters mit vielen Vorerkrankungen. Das wurde aber bereits kommuniziert.

Seitens des Robert-Koch-Instituts gab es am Montagabend die Nachricht, dass sich die Dynamik bei der Zahl Neuinfizierter möglicherweise anhaltend abschwächt. Wie beruhigend klingt das für Sie?

Professor Dr. Bernhard Hellmich. Foto: Britt Moulien
Professor Dr. Bernhard Hellmich. Foto: Britt Moulien

Hellmich: Natürlich hört man jedes positive Signal sehr gerne. Allerdings beurteilt auch das RKI die Entwicklung sehr vorsichtig. Die Zahlen steigen weiterhin, nur eben nicht mehr so stark. Vielleicht kann man das Mitte nächster Woche seriöser beurteilen, wenn die Maßnahmen, die jetzt getroffen wurden, greifen. Bei uns im Krankenhaus kommt das allerdings verzögert an. Meist kommt es erst nach einer Woche zu ersten Symp­tomen. Die schweren Verläufe mit Lungenbeteiligung, die kommen dann noch etwas später. Patienten, die auf der Intensivstation beatmet werden müssen, sind bis zu zwei Wochen dort. Insofern sehen wir die Zeichen zwar mit Hoffnung, müssen uns aber darauf einstellen, dass wir noch mehr Patienten haben werden in den kommenden Tagen und Wochen.

Gibt es denn genügend geschultes Personal im Intensivbereich?

Hellmich: Wir haben neben der Stammbesetzung auch viele Mitarbeiter, die längere Zeit auf der Intensivstation gearbeitet haben und jetzt aus anderen Bereichen rekrutiert werden, zum Beispiel aus der Anästhesie oder dem Herzkatheter-Bereich. Viele Regelleistungen oder nicht dringend notwendige Operationen werden im Moment ja bewusst heruntergefahren.

Wie groß ist die Zahl infizierter Mitarbeiter?

Hellmich: Das sind erstaunlich wenige. Wir haben sehr früh begonnen, Isolierstationen aufzubauen und auch in der Zentralen Notaufnahme schnell reagiert. Verdachtsfälle werden sofort getestet. Nach derzeitigem Stand haben wir an allen drei Standorten zusammen fünf infizierte Mitarbeiter. Das ist sehr wenig im Vergleich mit anderen Kliniken.

Wie wichtig ist es, dass sich Menschen mit Symptomen weiterhin testen lassen?

Hellmich: Das ist schon wichtig. Je mehr Patienten wir isolieren, des­to besser. Die Kriterien für die Tests wurden immer wieder der Entwicklung angepasst. Den Hausärzten liegt inzwischen ein klarer Kriterienkatalog vor, wann man einen Abstrich machen sollte und wann nicht.

Dr. Jörg Sagasser. Foto: Britt Moulien
Dr. Jörg Sagasser. Foto: Britt Moulien

Sagasser: Man sollte vielleicht ergänzen: Symptome alleine sind kein Grund für einen Test. Es geht auch darum, dass Testkapazitäten knapp sind. Wer einen Schnupfen hat, muss sich nicht testen lassen, sondern nur wenn er entsprechende Kontakte hatte oder aus Risikogebieten kommt. Unser Schwerpunkt muss auf den Risikopatienten liegen.

Wie groß ist Ihre Hoffnung, dass wir hier keine Situation erleben werden wie in Italien?

Hellmich: Ich glaube, in Italien war das Problem, dass man dort am Anfang nicht mit diesem Krankheitsbild gerechnet hat und Krankheiten anders interpretiert wurden, als im Januar in Europa noch niemand über das Virus sprach. Das Positive in Deutschland ist vielleicht, dass diejenigen, die das Virus zuerst eingeschleppt haben, meist junge Leute waren, die nicht schwer erkrankt sind. Dadurch haben wir wertvolle Zeit gewonnen. Das frühe Testen war wohl der Schlüssel dafür, dass wir jetzt noch die Kontrolle über die Situation haben. Ich glaube daher schon, dass wir gegenüber solch schwer betroffenen Ländern im Vorteil sind.

Gibt es Pläne, Patienten aus dem Ausland in den Medius-Kliniken aufzunehmen?

Sagasser: Angesichts der Intensivplätze, die wir haben, und weil wir von weiter steigenden Zahlen ausgehen, können wir keine Patienten aus dem Ausland aufnehmen. Sonst würden wir die Versorgung vor Ort gefährden.

Steht zu befürchten, dass die Krise Auswirkungen auf die Normalversorgung der Bevölkerung haben könnte?

Hellmich: Was Notfälle betrifft, die können wir als sichergestellt bewerten. Die Metallentfernung im Sprunggelenk oder die Operation an der Schilddrüse, die müssen im Moment leider warten. Alles, was medizinisch notwendig ist, wird aber gemacht.

Der Landrat und die IHK haben an Unternehmen appelliert, alles zu tun, um die Hilfsmittelknappheit zu bekämpfen. Wie kritisch ist die Lage zur Stunde?

Sagasser: Die Lage ist sehr ernst. Knapp ist alles an Schutzausrüs­tung, die wir haben. Ganz besonders Atemmasken, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel. Wir kämpfen jeden Tag, um Material zu bekommen. Das ist wirklich unser Hauptproblem im Moment.

Heimische Textilunternehmen stellen inzwischen statt T-Shirts Schutzmasken her. Hilft das?

Sagasser: Das, was da im Moment angeboten wird, ist erfreulich, kann aber maximal den OP-Mundschutz ersetzen und nicht auf den Corona-Stationen verwendet werden. Da dürfen wir kein Risiko eingehen. Hochsicherheitsmasken müssen auch erst getestet werden.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten?

Hellmich: Da hätten wir einen ganzen Strauß. Kurzfristig, dass wir Schutzausrüstung bekommen, mittelfristig, dass wir mit unseren Kapazitäten nicht an Grenzen stoßen und unsere Mitarbeiter gesund bleiben.

Sagasser: Im Sinne unserer Mitarbeiter: Schutzausrüstung mit fünf Ausrufezeichen.

Zur Person

Dr. Jörg Sagasser (56) ist Medizinischer Direktor der drei Medius-Kliniken in Kirchheim, Nürtingen und Ostfildern-Ruit. Er ist gleichzeitig Mitglied im Verwaltungsstab des Landkreises Esslingen.

Professor Dr. Bernhard Hellmich (51) ist Chefarzt in der Medius-Klinik in Kirchheim. Er leitet den Bereich Innere Medizin, Rheumatologie und Immunologie.bk

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