Kirchheim

Nur Kirchheim glaubt an Fachwerkstraße

Tourismus Um 3 200 Euro im Jahr zu sparen, verlässt die Mittelalterstadt Esslingen den bekannten Vermarktungsverein. Damit ist Kirchheim jetzt das einzige Mitglied im Landkreis. Von Melanie Braun

Mit der Kündigung Esslingens ist Kirchheim die einzige Stadt im Landkreis Esslingen, die Teil der Deutschen Fachwerkstraße ist.
Mit der Kündigung Esslingens ist Kirchheim die einzige Stadt im Landkreis Esslingen, die Teil der Deutschen Fachwerkstraße ist. Archiv-Foto: Jörg Bächle

Fachwerk ist ein großes Thema in Esslingen. Man ist stolz auf die historischen Bauten in der Altstadt, die Gebäude Hafenmarkt 4 bis 10 gelten sogar als die älteste zusammenhängende Fachwerkzeile Deutschlands. Dennoch will die Stadt nun aus der Deutschen Fachwerkstraße in der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Fachwerkstädte aussteigen - um 3 200 Euro im Jahr zu sparen. Das hat der Verwaltungsausschuss gestern ohne Diskussionen und mit nur einer Gegenstimme entschieden.

Dieser Schritt ist der Strategischen Haushaltskonsolidierung geschuldet, die die Stadt im vergangenen Sommer beschlossen hat. Denn auch die Esslinger Stadtmarketing und Tourismusgesellschaft (EST) sei aufgefordert gewesen, ihren Beitrag zum Sparen zu leisten, sagt Michael Metzler, Geschäftsführer der EST. Die Abwägung sei nicht einfach gewesen, aber letztlich sei der Austritt - als einer von mehreren Punkten im Sparpaket der EST - die Entscheidung der Gesellschafter gewesen. „So etwas macht man nicht gern, aber ich denke, angesichts der Haushaltslage ist das etwas, was man vertreten kann und muss“, sagt Metzler.

Zwar sei der Verbund der Fachwerkstraße ein in sich schlüssiges Konzept, aber auch unabhängig davon werde die Stadt das Thema Fachwerk weiter verfolgen. Ohnehin habe es einige Dopplungen mit anderen Aktivitäten gegeben, etwa mit denen des städtischen Marketings, bei dem das Fachwerk von jeher eine große Rolle spiele, oder mit denen der Regio Stuttgart Marketing- und Tourismusgesellschaft, die sich nun - ähnlich wie die Fachwerkstraße - auch die Vermarktung von Wohnmobil-Standplätzen auf die Fahnen geschrieben habe.

Mit dem Austritt Esslingens bleibt im Landkreis nur Kirchheim als Mitglied der Deutschen Fachwerkstraße. Hier ist eine Kündigung der Mitgliedschaft allerdings keine Option. „Ich kann nur Gutes über die Arbeitsgemeinschaft berichten, wir haben sehr positive Erfahrungen gemacht“, sagt Bürgermeister Günter Riemer. Sein Dezernat habe vor allem bei städtebaulichen Fragen von der Mitgliedschaft profitiert, schließlich tausche man sich auch darüber aus, wie Fachwerkgebäude saniert werden könnten. Aber auch in touristischer Hinsicht ist man in Kirchheim vollauf mit der Fachwerkstraße zufrieden. Und das, obwohl die Stadt auch Mitglied in mehreren anderen touristischen Verbänden ist. Denn über jeden Kanal erreiche man wieder eine andere Zielgruppe, sagt Heike Büttner, Leiterin des Sachgebiets Marketing und Tourismus. Zudem profitiere man erheblich von der fachlichen Unterstützung der Fachwerkstraße, zum Beispiel durch Weiterbildungen, interkommunalen Austausch oder das überregionale Marketing. Das Verhältnis von Preis und Leistung sei für Kirchheim sehr gut.

Konkrete Zahlen dazu, wie viele Menschen über die Fachwerkstraße auf Kirchheim aufmerksam werden, habe man zwar nicht: „Es ist immer schwierig, zu sagen, warum ein Gast letztlich nach Kirchheim kommt, das ist eine komplexe Angelegenheit“, sagt Büttner. Aber durch jüngste Erhebungen wisse man, dass die Stadt ganz klar in erster Linie als Fachwerkstadt wahrgenommen werde.

Aus der Geschäftsstelle der Fachwerkstraße heißt es, man wisse, dass die Mitgliedschaft den Kommunen mehr Touristen beschere, doch eine Statistik dazu gebe es nicht. Genau das ist für Ralf Bochert, Professor für Tourismusmanagement an der Hochschule Heilbronn, das Problem: „Dadurch ist es extrem schwer, das Preis-Leistungs-Verhältnis einer solchen Themenstraße aufzuzeigen“, sagt er. Dafür gebe es zu viele unsichere Stellschrauben. Sehr wahrscheinlich kämen durch das Marketing über die Fachwerkstraße mehr Gäste in die Stadt, die dann wiederum als Multiplikatoren fungieren könnten - aber ob die monetäre Wertschöpfung tatsächlich die Kosten der Stadt für die Mitgliedschaft ausgleiche, wisse man nicht. Klar sei, dass Themenstraßen im Trend seien bei Touristen - allerdings derzeit vor allem im Bereich Wandern und Radfahren.

Bei der Tourismus Marketing GmbH Baden-Württemberg ist man überzeugt vom Nutzen einer Mitgliedschaft bei einer Ferienstraße: „Gerade die immer internationaler ausgerichtete Tourismusbranche braucht solche überregionalen Kooperationen“, sagt der Sprecher Martin Knauer. Ferienstraßen wie die Fachwerkstraße seien insbesondere in Übersee beliebt. Vor allem bei internationalen Medien beobachte man ein ausgeprägtes Interesse an diesen Routen, die gerne als Aufhänger für Reisereportagen genutzt würden. Deshalb würde auch das touristische Landesmarketing im Ausland für diese Routen werben.

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