Kirchheim

Offen - doch die Faust bleibt in der Hosentasche

Infostand Kirchheimer Stadtverwaltung informiert über die Situation der Flüchtlinge und stellt sich allen Fragen.

Informationen und die Möglichkeit zum Gespräch bot die Stadtverwaltung am Samstag vor dem Rathaus.Foto: Thomas Krytzner
Informationen und die Möglichkeit zum Gespräch bot die Stadtverwaltung am Samstag vor dem Rathaus.Foto: Thomas Krytzner

Kirchheim. „Willkommen“ prangt in mehreren Sprachen von einem Plakat am Infostand vor dem Rathaus. Dieser Gruß gilt nicht nur geflüchteten Menschen, sondern auch der Bevölkerung der Teckstadt und den Gästen. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker und Bürgermeister Günter Riemer begrüßen viele Interessierte am Stand der Stadt. Zur Seite stehen ihnen Mitarbeiter der Verwaltung.

Auf mehreren Tafeln und Plakaten sind Zahlen, Daten und Fakten aufgelistet. Einige bleiben stehen, informieren sich über die Wohnungssituation, andere ergreifen die Gelegenheit beim Schopf und sprechen mit der Verwaltungsspitze. Diskussionen gibt es aber nicht nur im Bereich des Infostandes, sondern auch weiter weg, zum Beispiel direkt auf dem Marktplatz. Da hört man öfters mal Aussagen wie: „Würde die Stadt mehr und schneller Wohnungen bauen, müsste jetzt kein Notstand beklagt werden“ oder „Ich kann das Thema nicht mehr hören!“

Weit weniger emotional, aber dennoch kritisch, verlaufen die Gespräche am Infostand. Herbert Müller und Michael Baur vom Haus der sozialen Dienste der Teckstadt sind zufrieden. „Der Infostand ist ein voller Erfolg, der Zulauf freut uns sehr“, sagt Baur und erklärt, dass Kirchheim bisher 170 Flüchtlinge, vornehmlich Familien, in privat angebotenen Wohnungen unterbringen konnte. „Die Vermieter haben gute Erfahrungen gemacht und wollen die Aktion weiter unterstützen.“ Herbert Müller ergänzt: „Die Wohnungsnot geht alle an. So gibt es kaum bezahlbare Mietwohnungen im Kirchheimer Raum.“ Er erklärt, dass die Stadt allen hilft, die eine Wohnung brauchen, „nicht nur den Flüchtlingen“. So sei beim sozialen Wohnungsbau ein Mindestanteil für die heimische Bevölkerung reserviert. Denn: „Es gibt vermehrt Kündigungen von Mietverträgen wegen Eigenbedarf, und da stehen Mieter zum Teil plötzlich auf der Straße.“

Kirchheim ist auf der Suche nach leer stehenden Wohnungen für die Anschlussunterbringung und tritt bei Mietverhältnissen als Garant auf. „So ist das Risiko für die Vermieter gering“, verspricht Müller.

Das Risiko ist am Infostand Hauptthema. Aber auch die Angst. Vor allem die Silvesterattacken in Köln, Berlin und Stuttgart kommen zur Sprache, und die Vorbehalte nach dem Terroranschlag in Berlin sind spürbar. Dies bestätigt Angelika Matt-Heidecker: „Am Stand kommen viel mehr Nachfragen zum Thema Integration, und gleichzeitig werden Ängste formuliert.“ Sie stellt in der Bevölkerung zwar eine große Offenheit gegenüber den Flüchtlingen fest, aber die Ressentiments nehmen zu und Bürger ballen die Faust in der Hosentasche. „Vor allem stehen die allein reisenden jungen Männer aus den Flüchtlingsstaaten im Fadenkreuz und bereiten den Bürgern Sorgen.“

Die Oberbürgermeisterin hat konkrete Pläne: „Es braucht Männer, die schon länger in Deutschland sind, die den neu angekommenen erklären, wie man sich zu benehmen hat.“ Momentan lässt der Zustrom zwar nach, dennoch freut sich Angelika Matt-Heidecker über viele ehrenamtliche Helfer. Auch sie wünscht sich, dass möglichst viele Bürger die Einladung der Stadt annehmen und die Integration mitgestalten.Thomas Krytzner

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