Kirchheim

Randnotiz: Ohne mich!

Neulich vor der eigenen Haustür: dort, wo neuerdings der Wahnsinn unter Hochdruck pulst, weil ein bis dahin eher beschauliches Nebensträßlein per Umleitungsschild zur Verkehrs-Hauptschlagader angeschwollen ist. Dort also stand sie. Die Räder still. Mit starr geradeaus gerichtetem Blick. Die Hände bewegungslos auf dem Steuer ruhend. In einer Mischung aus Resignation und Verzweiflung. Mitten auf der Kreuzung. Wie ein Mensch gewordener Propf im reißenden Sog der Karossen.

Hinter dem Kleinwagen der betagten Dame tobte der Autolurch, wie ihn die Schwoba-Rocker von „Schwoißfuaß“ schon zu Zeiten besungen haben, als der Sprit noch wenig mehr als eine Mark kostete. Eilige Berufspendler auf dem Nachhauseweg, die angesichts der herrschenden Temperaturen den kühlen Kopf schon früh am Arbeitsplatz im Spind gelassen hatten. Wütendes Gezeter hinter getönten Scheiben, drohende Fanfarenstöße. Die Autofahrerseele kochte.

Die ältere Dame tat: nichts. Auf die besorgte Frage, wie man ihr als Einbahnstraßendschungelbewohner und Schilderwäldler denn behilflich sein könne, kam die ebenso einleuchtende wie konsequente Antwort: „Ich find‘ hier nicht mehr raus. Ich bleib jetzt einfach hier.“ Fast hätte man sie beglückwünscht zu dieser Konklusion, wäre dies angesichts der sich rapide zuspitzenden Lage nicht fahrlässig erschienen. Dank ortskundigem Rat und längerem Zureden fand die Dame hinterm Steuer dann doch noch den Weg in die vermeintliche Freiheit. Und die Moral von der Geschicht‘? Dreht alle durch - aber ohne mich!

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