Kirchheim

Ohne Worte, ohne Sinn?

Ein Kommentar von Thomas Zapp zum stillem Protest

Thomas Zapp
Thomas Zapp

Kommentar: Dieser Protest, oder Mahnwache, wie mich eine Teilnehmerin belehrt, macht wirklich sprachlos. Das gilt nicht nur für den Betrachter, sondern auch für die Mitwirkenden, die spürbar nach Worten ringen, wenn man sie nach ihren Motiven fragt. Die Angst, etwas Falsches zu sagen, sitzt anscheinend vielen im Nacken. Man will bloß nicht mit den „Anti-Corona-Demos“ auf dem Stuttgarter Wasen in Verbindung gebracht werden und schon gar nicht mit irgendwelchen Verschwörungstheoretikern. Der legendäre Loriot-Sketch, bei dem in einer Politikerrunde der Vertreter der FDP auf jede Frage der zunehmend entnervten Moderatorin antwortet „Liberal heißt im liberalen Sinne liberal“, bevor er etwas Falsches sagt, äußert sich hier im mehr oder weniger beredten Schweigen.

Man sollte aber davon Abstand nehmen, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der „Ignorance-Meditation“ als Spinner abzutun, auch wenn die Meditationen von einigen Vertretern der Verschwörungsfraktion befürwortet werden. Denn vor Ort in Kirchheim zeigt die Mehrheit im Gespräch differenzierte Gedanken. Was zeigt also diese schweigende Form des Protests? Dass es um die allgemeine Diskussionskultur momentan nicht zum Besten steht. Zu schnell werden, auch von „den Medien“, Stempel verteilt, wenn jemand Zweifel äußert, zum Beispiel an dem Sinn bestimmter Maßnahmen.

„Auch mal andere Experten“ als die üblichen Verdächtigen zu hören, wünscht sich eine Teilnehmerin der Mahnwache, um sich besser ein eigenes Bild machen zu können. Daran liegt nichts Verwerfliches. Die „öffentliche“ Meinung oder diejenigen, die sich als deren Vertreter verstehen, agieren in den Augen vieler zu rigoros, haben zu schnell ein Urteil zur Hand und scheuen auch Diffamierungen nicht. Ähnliches konnte man auch bei der Klima-Dikussion erleben. „Ich schaue eigentlich gar kein Fernsehen“, sagt einer und meint „die traditionellen Medien“. Sind die Quellen im Internet denn verlässlich? Auch das wüsste sie nicht, gibt eine andere zu.

Es herrscht Unsicherheit, und dieser stumme Protest zeigt diese überdeutlich. Deshalb ist er alles andere als sinnlos, sondern ein Zeichen an alle, die öffentliche Diskussion offener zu gestalten. Andere Meinungen oder Zweifel nicht gleich ins Lächerliche ziehen. Das müssen „wir Medien“ uns auch auf die Fahnen schreiben. Zwischen Fragen nach dem Sinn von Maßnahmen und dem Glauben an Echsenmenschen und Kontrolle durch eingeimpfte Chips gibt es noch reichlich Platz für sinnvolle Diskussionen.

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