Kirchheim

Ordnung ist das halbe Lernen

Bildung Wie lernt man am besten? Frank Weber weiß es. Er überraschte im Kirchheimer Schlossgymnasium mit anschaulichen Tipps. Von Peter Dietrich

Frank Weber, Lerntrainer aus Berlin hat im Kirchheimer Schlossgymnasium erklärt, wie man Lernen lernt. Er empfiehlt nach der Auf
Frank Weber, Lerntrainer aus Berlin hat im Kirchheimer Schlossgymnasium erklärt, wie man Lernen lernt. Er empfiehlt nach der Aufnahme von Neuem einen 20-minütigen „Einlagerungsprozess“, etwa bei entspannter Musik.Foto: Peter Dietrich

Das war jetzt aber echt gemein. Da hatte Frank Weber, zertifizierter Lern-Coach und Referent des gemeinnützigen Berliner Vereins „LVB Lernen“, an die Zuhörer in der Mensa des Schlossgymnasiums kleine Zettel mit 20 Begriffen ausgeteilt. Die Aufgabe war, in zwei Minuten möglichst viele dieser Begriffe auswendig zu lernen. Schon nach fünf Begriffen war bei der ersten Kandidatin Schluss. Wer schafft mehr? Da brachte es jemand doch glatt auf 19 Begriffe! Saß da ein Genie im Publikum, das auf seine baldige Entdeckung wartet? Nein, es lag am anderen Zettel. Denn Frank Weber hatte der einen Hälfte der Zuhörer eine Auflistung gegeben, die völlig durcheinander war: Meer, Tulpe, Sessel, Hubschrauber. . . Bei der anderen Gruppe hingegen waren die Begriffe in vier Spalten sortiert, je eine mit Gewässern, Blumen, Möbeln und Verkehrsmitteln.

Das Gehirn braucht Ordnung

Bei sieben Begriffen, das hatte Weber schon vorher mit zwei Freiwilligen demonstriert, ist Schluss, keiner kann sich 20 wild gemischte Begriffe merken. Im zweiten Fall merkt sich das Gedächtnis aber die Oberbegriffe. Das funktioniert selbst dann, wenn diese Oberbegriffe gar nicht auf dem Zettel standen. Weil das Gehirn Ordnung und Struktur braucht, ist die Führung der Schulhefte sehr wichtig, mit Überschriften, Absätzen und Unterstreichungen. Auch die unregelmäßigen Verben im Englischen sind nicht einfach wild unregelmäßig, sondern lassen sich in Gruppen einteilen. Es gibt zum Beispiel die Katzen- oder miau-Verben, deren Vokal von i über a zu u wechseln, wie etwa bei sing - sang - sung.

Noch ein Versuch: Eine Deutschlandkarte zeigt viele Flüsse. Wie soll man diese nur alle lernen? Hilfreich ist es, den Stoff in kleine, hirngerechte Päckchen zu packen. Frank Weber teilt die Flüsse farblich in vier Gruppen auf: Der Rhein, die Donau, die Elbe und die Weser mit ihren Nebenflüssen. Das sieht doch schon viel übersichtlicher aus. Man könnte die Flüsse auch gedanklich mit Städten verbinden, die man bereits kennt. Denn das Gehirn tut sich leichter, neues Wissen in bereits bekannte Strukturen einzuordnen. Oder man könnte sich zum Lernen eine eigene Geschichte ausdenken. Manchmal helfen auch Bilder: Sieht die Weser nicht wie ein Männchen aus, mit Fulda und Werra wie Beine?

Was das Gehirn ebenfalls braucht, sind Signale der Wichtigkeit. Das Gehirn arbeitet nämlich sehr rationell: Was nicht gebraucht wird, kann schnell wieder weg, das kann schon nach 20 Sekunden passieren. Morgens etwas gelernt, am Abend sind nur noch 80 Prozent da, nach einer Woche noch die Hälfte, nach einem Monat noch zehn oder 20 Prozent und nach einem Jahr gar nichts mehr. Es sei denn, das Wissen wird immer wieder, etwa mit einem Karteikasten, wiederholt. Diese „Kartei“ kann auch ein Computerprogramm sein. „Lernen ist Rudern gegen den Strom“, sagt Frank Weber. Wer nichts mehr tue, der falle zurück.

Inventur im Kopf

Was dauerhaft gelernt werden will, muss vom Ultrakurzzeitgedächtnis übers Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis. Letzteres beschrieb Frank Weber als Lagerhalle des Gehirns. Es reicht jedoch nicht, neues Wissen einmalig einzulagern. Man muss auch noch wissen, wo man es bei Bedarf wiederfinden kann, also quasi immer wieder Rundgänge und Inventur machen.

Endlich sind die Hausaufgaben gemacht, endlich ein Computerspiel oder Fernsehen. Falsch! Denn der Einlagerungsprozess ins Langzeitgedächtnis dauert etwa 20 Minuten und sollte nicht gestört und unterbrochen werden. Also lieber nach dem Lernen ein wenig bei ruhiger Musik chillen oder ein Nickerchen machen. Dann wird man quasi im Schlaf schlau.

Frank Weber war das erste Mal in der Region. Wenn sich herumspricht, wen sich der Elternbeirat des Schlossgymnasiums da eingeladen hatte, könnte sich das ändern. Für den Anfang 2015 gegründeten Verein sind noch zwei Dutzend andere Referenten unterwegs. Er bietet die Vorträge kostenlos an.

Lernplattformen: Frank Weber hält viel von Lernvideos, ein gutes sei nicht länger als drei bis vier Minuten. Kinder suchten in YouTube, dort gebe es zur Mathematik etwa gute Videos von Mathehilfe24, Daniel Jung und TheSimpleClub. Das Angebot auf YouTube sei aber zweischneidig: Zum einen könne dort jeder ein Lernvideo einstellen, die Qualität sei nicht garantiert. Zum andern fehlten die Fallbeispiele zum Üben und statt 20 Minuten Pause zum Einlagern gebe es ablenkende Werbung.

Werbefrei, dafür kostenpflichtig sind Lernplattformen, die geschlossene Systeme darstellen. „Lerncoachies“ empfiehlt Weber vor allem als Ergänzung zu Büchern von Cornelsen, das Angebot ist auf Mathematik, Deutsch und Englisch für die Klassen 3 bis 7 beschränkt. Scoyo bietet spielerische Lernwelten, die vor allem für Grundschüler geeignet sind. Das gesamte Spektrum von 18 Fächern von Klasse 1 bis 13 bietet Sofatutor an. Die Lernplattformen lassen sich eine beschränkte Zeit kostenlos testen.

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