Kirchheim

Pack‘ die Tupperschüssel ein

Umwelt Einkaufen ohne Verpackungsmüll zu generieren ist politisch gewünscht. Ist es aber auch praktisch durchführbar, zum Beispiel in Kirchheim? Ein Selbstversuch soll Aufschluss geben. Von Thomas Zapp

Ob Putzmittel im Geschäft (oben) oder Käse auf dem Markt (unten): Unverpackt einkaufen ist in Kirchheim möglich. Fotos: Carsten
An der Käsetheke auf dem Markt gibt es den Käse direkt in die Box. Foto: Carsten Riedl

Im Flechtkorb der Dame nebenan vor dem Wagen des Hepperle-Hofs auf dem Kirchheimer Wochenmarkt stapeln sich Tupperdosen und mehrere Einkaufsnetze. Es ist offensichtlich, dass sie weder Tüten noch Verpackungen von ihrem Marktbesuch mit nach Hause nehmen möchte. Das macht Mut, offenbar bin ich nicht der Einzige, der sich für diesen Tag einen verpackungsfreien Einkauf vorgenommen hat. Die entsprechende Frage beantwortet Mechthild Greiner schnell: „Das ist kein Problem. Ich darf nur Ihre Dose nicht in den Nahrungsmittelbereich stellen“, erklärt sie. Meine mitgebrachte Tupperdose bleibt also brav an der Grenze stehen, in diesem Fall der gläsernen Ablage der gekühlten Vitrine mit dem Käse.

Der milde Brie, den ich bestelle, wird abgeschnitten, dann auf ein Papier und dann auf die Waage gelegt. „Moment, das gibt ja auch wieder Verpackungsmüll“, denke ich noch als Mechthild Greiner weitere Überlegungen unterbricht: „Das Papier verwende ich wieder.“ Das ist ja noch einmal gut gegangen. Nach dem Wiegen spießt sie das Stück Käse mit dem weißen Schimmelüberzug auf ein Messer und legt es in meine Dose ab - ohne Papier. Das war einfacher als gedacht. „Es werden immer mehr Kunden, die ihre eigene Dose mitbringen“, sagt sie. Schätzungsweise 20 Prozent wollen gar keine Verpackungen mehr. „Und 80 Prozent aller Kunden wollen weniger Verpackung und fragen nach Alternativen zu Plastikschalen“, erzählt sie.

Anders läuft es hingegen am Stand von Geflügelbauer Lesle. Die eingeschweißten Hühnerschenkel bleiben in der Verpackung. „Das hat gerade bei der Hitze hygienische Gründe“, sagt der Verkäufer. Bislang habe das aber auch niemand von ihm verlangt. Wirklich an Verpackung sparen würde man auch nicht, schließlich muss das Plastik so oder so entsorgt werden, der Käufer würde die Verantwortung lediglich weiterreichen. Da hat er recht, in diesem Fall ist das Kind, beziehungsweise Huhn, umwelttechnisch schon in den Brunnen gefallen.

Wiederum problemlos geht es bei Adnan Özkale am Marktstand „Tolgas‘s“ weiter. Die Oliven verschwinden - schwupps - in der mitgebrachten Tupperschüssel. Während es an Obst- und sonstigen Marktständen naturgemäß weniger Verpackungen gibt, findet auch in Supermärkten ein Umdenken statt. Selbst große Handelsketten wollen ihre Plastikquote senken. „In den Obst- und Gemüseabteilungen bieten wir bereits mehr als die Hälfte dieses Sortiments ohne Plastikverpackung an“, sagt Florian Heitzmann, Pressesprecher des Branchenriesen Edeka. Sichtbar für den Kunden wird das durch einfache Banderolen oder Etiketten, teilweise sogar durch eine Lasergravur in der äußeren Schale. „Allein mit dieser Laserbeschriftung lassen sich im Edeka-Verbund bundesweit rund 50 Tonnen Plastik jährlich einsparen“, sagt Heitzmann. Seit September 2018 können Kunden an den Frischetheken Lebensmittel in ihre eigenen Mehrwegboxen legen lassen. „Hierzu wurden aus Gründen der Lebensmittelhygiene Tabletts eingeführt, auf die die Boxen gestellt werden“, sagt Heitzmann. Auch im Kirchheimer E-Center im Nanz-Center ist das auf Nachfrage möglich, generell entscheidet das aber jede Filiale für sich.

Gar nichts Besonderes ist das verpackungsfreie Einkaufen im „Knack-Punkt für Gesundheit und Umwelt“ in Kirchheim. Dort können sich Kunden Reinigungs- oder Waschmittel in mitgebrachte Behälter abfüllen lassen. „Wir machen das seit 28 Jahren“, sagt Daniela Rosenwirth, Tochter von Inhaberin Susanne Rosenwirth. Dennoch stellt sie fest: „Früher kamen vor allem Mütter oder ältere Damen, heute sind das wesentlich jüngere Kunden, die bewusst ohne Verpackung einkaufen“, sagt sie. Und sie selbst füllen auch ihre Behältnisse nach, seit Jahren. „Wir haben Flaschen im Sortiment, die haben noch vierstellige Postleitzahlen“, sagt Daniela Rosenwirth stolz. Weggeschmissen wird im Knackpunkt augenscheinlich wenig. Und auch beim Inhalt achten Mutter und Tochter auf Nachhaltigkeit. „All unsere Zusätze sind mikroplastikfrei“, betont Daniela Rosenwirth.

Ein letzter Besuch beim Metzger Dietz in der Max-Eyth-Straße. Die Lyoner wandert problemlos in die Box, allerdings darf die Tupperdose die Tresengrenze nicht überqueren. Der Angestellte reicht die Wurst ohne Einwickelpapier hinüber. „Es werden immer mehr Kunden, die das wollen“, sagt er.

Fazit: Es ist gar nicht so schwierig, bestimmte Lebensmittel ohne Umverpackung zu kaufen. Man muss nur vorher an die Behälter denken und entsprechend Frischwaren einkaufen. Bei industriell verarbeiteter und abgepackter Ware herrscht nach wie vor der Verpackungswahn. Solange der Gesetzgeber nicht tätig wird, sprich Verpackungen stärker besteuert, heißt es für mich: mehr Frischware kaufen. Und einen angenehmen Nebeneffekt hat es auch noch: Man kommt schneller ins Gespräch.

Unverpackt
Putzmittel ohne Mikroplastik und frisch abgefüllt: Im Kirchheimer Knack-Punkt. Foto: Carsten Riedl

Unverpackt einkaufen

In Nürtingen eröffnet voraussichtlich im Herbst der genossenschaftlich betriebene Unverpackt-Laden „Glas & Beutel“. Neben frischem Obst und Gemüse wird es dort Trockenwaren zum Abwiegen geben. Beim Bioland-Hof Gruel in Owen können sich Kunden ebenfalls Linsen, Haferflocken, Kürbiskerne, Reis und vieles mehr in eigene Gefäße abfüllen lassen. zap

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