Kirchheim

Papa will, dass die Kita wieder aufmacht

Ruheplätze Ein Labyrinth, ein Hoffnungsbaum, bunt bemalte Stühle und eine blühende Blumenwiese laden auf dem Martinskirchplatz ein zum Innehalten, zum Durchschnaufen und zum Nachdenken. Von Andreas Volz

Im Labyrinth ist der Weg zur Mitte vorgegeben - wenn auch auf verschlungenen Pfaden. Foto: Jean-Luc Jacques
Im Labyrinth ist der Weg zur Mitte vorgegeben - wenn auch auf verschlungenen Pfaden. Foto: Jean-Luc Jacques

Es fällt sofort auf: das blaue Labyrinth auf dem Martinskirchplatz. Nachempfunden ist es dem berühmten Labyrinth von Chartres. Es ist zwar lange nicht so umfangreich, hat dafür aber zwei Eingänge und somit auch zwei Zugänge zur Mitte. Und es erfüllt denselben Zweck wie das große Vorbild in Frankreich: Es lädt dazu ein, sich auf verschlungene Pfade zu begeben, überraschende Wendungen zu erleben und trotzdem sicher in der Mitte anzukommen.

„Die Sicherheit, dass ich in der Mitte ankommen werde, macht das Labyrinth zu einem christlichen Symbol. Das ist der Unterschied zum Irrgarten“, sagt Pfarrer Jochen Maier. Wer sich auf das Labyrinth einlässt, hat Zeit zum Innehalten. Man bekommt diese Zeit - indem man sie sich einfach nimmt. Das ist die Idee der „Ruheplätze“ auf dem Kirchplatz. „Der große Kirchenraum ist offen, als ein Raum der Unterbrechung, der Stille. Weil aber nicht jeder von selbst reingeht, haben wir die Ruheplätze nach draußen verlegt.“

Kinder gehen zuerst ins Labyrinth

Die ersten, die das Labyrinth für sich entdecken, sind die Kinder. Das hat Jochen Maier schon mehrfach beobachtet. „Dann müssen die Eltern sowieso stoppen und warten, bis die Kinder ihren Weg gegangen sind.“ Das Innehalten der Eltern ist zwar möglicherweise nur erzwungen. Der Vergleich zur Coronakrise aber ist in diesem Fall alles andere als „verzwungen“. Er drängt sich geradezu auf.

Ein weiterer Ruheplatz erklärt sich von selbst: An der Kirche stehen alte Stühle, die neu gestrichen sind. Wer vorbeikommt, kann sich setzen, durchschnaufen, zur Ruhe kommen - und beobachten. Letzteres, also das Beobachten, das Nachdenken, das Versunkensein, sind die Eckpfeiler der Kontemplation, die in jeder Religion und in jeder Kultur ihre Bedeutung hat.

Ebenfalls beobachten lässt sich die Blumenwiese, die noch rund um das Kriegerdenkmal ausgesät werden soll. „Zur Ruhe kommen sollen nicht nur wir, sondern auch die Schöpfung“, erklärt Pfarrer Maier. Wer aber wirklich eine Wiese beim Wachsen und beim Blühen beobachten will, der braucht die entsprechende Ruhe - und einen ziemlich langen Atem.

Richtig aktiv werden können die Passanten dagegen beim „Hoffnungsbaum“. Jochen Maier bezeichnet ihn als einen „Baum der Wünsche“, obwohl er auch als „Baum der Ängste“ genutzt werden könnte. Am Schreibpult neben dem Baum kann jeder, der vorbeikommt, kleine gelbe Streifen beschriften, die sich anschließend in den Ästen befestigen lassen. Weil der Platz beschränkt ist, fassen sich die Schreiber kurz. Ihre Hoffnungen sagen viel über die Zeit der Coronakrise aus.

„Ich wünsche mir wieder die Normalität“, heißt es da. Andere beschreiben diese Normalität mit konkreten Beispielen, die zeigen, wie man sich in der Zeit der Einschränkungen sogar nach Dingen sehnt, die man sonst nicht immer liebt: „Ich wünsche mir Schule“, „Ich möchte wieder arbeiten gehen können“. Der Satz, „dass die Kita wieder aufmacht“, bekommt einen flehentlichen Unterton durch die Signatur: „Papa“.

Es gibt auch die Sehnsucht nach Begegnung: „Ich möchte meine Freunde wieder besuchen“. Andere wünschen sich, „dass wir wieder zu Oma und Opa können“. Frei nach Luther, ist auch der Baum als solcher schon ein Zeichen der Hoffnung und der Zuversicht, wie Jochen Maier ausführt: „Das ist ein solider Boskop.“ Wer also heute noch ein Apfelbäumchen pflanzt oder doch zumindest seine Hoffnungen in die Zweige steckt, der muss nicht fürchten, dass schon morgen die Welt untergeht.

Der fünfte „Ruheplatz“ ist die Kirche selbst, in der es immer neue Details zu entdecken gibt. Wer in Ruhe ein Gespräch führen möchte, findet auch dazu die Gelegenheit: Jeden Samstag soll in der Coronazeit ein Pfarrer oder eine Pfarrerin zur Verfügung stehen - von 9 bis 12 Uhr. Das Angebot gilt für die Martinskirche und für die Christuskirche, und es gilt für drinnen wie draußen. „Das hängt auch vom Wetter ab“, sagt Jochen Maier, der die Erfahrung gemacht hat, dass man vor der Kirche leichter ins Gespräch kommt.

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