Kirchheim

Parkplätze nach Bedarf

Kommentar Wunschdenken und Realität haben häufig keine allzu große Schnittmenge. Das zeigt sich gerade auch bei der vielbeschworenen Verkehrswende und beim Umgang mit öffentlichen Parkplätzen in Wohngebieten. Das Ideal sieht eine Gesellschaft vor, in der alle nur noch zu Fuß und mit dem Fahrrad unterwegs sind oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Im äußersten Notfall können sie auch einmal auf das Fahrzeug einer Carsharing-Organisation zurückgreifen - aber nur, wenn es wirklich gar nicht anders geht.

Zugegeben: Für das Klima wäre es kein Schaden, wenn mehr Leute ihr Auto stehen lassen würden. Und auch der Flächenverbrauch lässt sich senken, wenn insgesamt deutlich weniger Parkplätze benötigt werden. Letzteres aber ist in Kirchheim schon ziemlich lange die erprobte Politik, wenn es um die Neuanlage von Wohngebieten geht - erprobt wohlgemerkt, aber alles andere als bewährt.

Wer wissen will, wie die Realität aussieht, sollte sich nur einmal ins Kirchheimer Nägelestal begeben und mit den Anwohnern das Gespräch suchen. Es ist nicht davon auszugehen, dass man bei diesem Versuch auf allzu viele Menschen trifft, die von einer Wohnsiedlung mit mangelndem Parkplatzangebot schwärmen - oder gar die Übertragung dieser Fehlplanung auf andere Gebiete empfehlen.

Fakt ist: Noch gibt es genügend Menschen, die ÖPNV und Fahrrad zeitweise zwar durchaus als Alternative zum Auto zu schätzen wissen, die aber trotzdem für sich keinen Vorteil darin sehen, das eigene Auto angesichts dieser Alternativen komplett abzuschaffen. Sie selbst, aber auch ihre Besucher werden deswegen weiterhin auf der Straße parken und sich sogar in die engsten Lücken quetschen.

Im Steingau-Quartier mag das anders sein: Wer dort baut, hat sich ein Konzept überlegt, in dem möglicherweise nicht für jedes Haushaltsmitglied ein eigenes Auto vorgesehen ist. Die Nähe zum Bahnhof ist dort ein ebenso großer Vorteil wie im neuen Quartier in Ötlingen.

Aber eine wesentliche Idee des Siegerentwurfs für Ötlingen könnte auch sonst wegweisend sein: Das geplante Parkhaus ließe sich eines Tages anders nutzen. Sollte die Verkehrswende also tatsächlich einmal nicht nur beschworen werden, sondern auch eintreten, könnte man einzelne Stockwerke oder gar das gesamte Gebäude umfunktionieren. Genau das sollte die Devise sein im Streit um Parkplätze: Ihre Zahl ist am Bedarf der Gegenwart auszurichten. Sollte der Bedarf in Zukunft sinken, kann man immer noch auf jeden Parkplatz, der nicht mehr benötigt wird, ein Bänkle stellen.

Andreas Volz zur Verkehrswende in der Stadtplanung

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