Kirchheim

Pionier und Märtyrer der Demokratie

Gedenktafel Im Kirchheimer Freihof erinnert die Stadt Kirchheim an den Seifensieder Friedrich Tritschler, der vor 170 Jahren als Revolutionär und gewählter Abgeordneter für politische Mitsprache kämpfte. Von Andreas Volz

Der Historiker Eberhard Sieber enthüllt die Gedenktafel für Friedrich Tritschler im Kirchheimer Freihof. Foto: Markus Brändli
Der Historiker Eberhard Sieber enthüllt die Gedenktafel für Friedrich Tritschler im Kirchheimer Freihof. Foto: Markus Brändli

Friedrich Tritschler ist jetzt in seiner Heimatstadt Kirchheim mit einer Gedenktafel geehrt worden: Am Stadtarchiv im Freihof wird an den „Pionier der Kirchheimer Demokratie“ erinnert. Im Freihof hatte sich am 2. April 1848 ein große Menschenmenge versammelt, um unter anderem den Seifensieder Friedrich Tritschler sprechen zu hören: 1 500 Menschen waren gekommen - wobei Kirchheim zu dieser Zeit gerade einmal 5 600 Einwohner hatte.

Kurz zuvor war die Revolution aus Frankreich in die deutschen Lande geschwappt, erläuterte der Historiker Eberhard Sieber, als er die Gedenktafel feierlich enthüllte. Anfang März 1848 hatten sich bereits 350 Bürger im Kirchheimer Rathaus versammelt, um eine Petition zu verabschieden, in der unter anderem die Gemeindeselbstverwaltung und das allgemeine Wahlrecht gefordert wurde. Auch im Rathaus war Tritschler einer der Wortführer: „Er war mit einer begnadeten Rednergabe ausgestattet.“

Politisch engagiert war Friedrich Tritschler seit spätestens 1840. Damals hat er als 30-Jähriger den Verein „Bürgermuseum“ gegründet und geleitet. Dieses „Museum“ in der „Linde“ war aber kein Ausstellungsraum, sondern eher eine Möglichkeit, „den Musen zu huldigen“. Weltabgewandt ging es dabei aber keineswegs zu: Kernstück des Bürgermuseums war eine Bibliothek. Eine wichtige Beschäftigung war die politische Debatte.

Die Versammlung ist revolutionär

Die Versammlung im Rathaus 1848 war als solche schon ein mutiger, revolutionärer Akt, denn es gab noch kein Versammlungsrecht im damaligen Königreich Würt­temberg. Ähnlich revolutionär war das Treffen im Freihof: „Man hat eine Rednerbühne aufgebaut, die in den Revolutionsfarben Schwarz-Rot-Gold geschmückt war.“ Barrikadenkämpfe gab es in Württemberg aber eher nicht. Es ging um Debatten, um Wahlen, um eine neue Verfassung. Politischer Höhepunkt damals war denn auch in Kirchheim die Gründung eines „vaterländischen Vereins“, als Vorläufer der politischen Parteien.

Erst als Württembergs König Wilhelm I. Mitte Juni 1849 das Rumpfparlament, das sich aus der Frankfurter Paulskirche nach Stuttgart gerettet hatte, endgültig auflösen ließ, regte sich auch in Kirchheim die große Empörung: Um die bisherigen demokratischen Errungenschaften zu retten, führte Friedrich Tritschler einen Freischarenzug an, der über Weilheim nach Wiesensteig zog, in der Hoffnung, dass sich unterwegs weitere Bewaffnete anschließen würden.

Diese Hoffnung zerschlug sich aber rasch, und so zog sich das Fähnlein enttäuscht wieder nach Kirchheim zurück und gab sämtliche Waffen ab - immerhin unter dem Jubel der Kirchheimer. Die Bürger hielten auch weiterhin zum politisierten Seifensieder und wählten ihn sechs Wochen nach dem Freischarenzug mit überwältigender Mehrheit als Vertreter der Demokraten in die Stuttgarter Landesversammlung, die eine Verfassung erarbeiten sollte.

Dazu kam es freilich nicht: Der König löste die Landesversammlung sofort auf, weil ihm deren Zusammensetzung nicht passte. Auch eine weitere erfolgreiche Wahl machte Friedrich Tritschler nicht zum Abgeordneten. Vielmehr drohte ihm die obrigkeitliche Verfolgung, der er sich durch Flucht entzog - in die Schweiz und dann in die USA. In Peoria (Illinois) starb Friedrich Tritschler 1859 verarmt, mit gerade einmal 49 Jahren. Nicht nur sein Vermögen, sondern auch seine Gesundheit hatte er im Kampf um die Demokratie ruiniert. Deswegen bezeichnet ihn Eberhard Sieber nicht nur als Pionier, sondern auch als „Märtyrer der Demokratie“.

Wer mehr über die Revolution in Kirchheim erfahren möchte, sei auf den Schriftenreihenband Nummer 22 verwiesen, für den Stadtarchivar Frank Bauer am Rand der Tafelenthüllung kräftig Werbung machte. Dass die Geschichte auch heute noch aussagekräftig ist, unterstrich Oberbürgermeister Pascal Bader: „Gerade jetzt ist es aktueller denn je, so wie einst Friedrich Tritschler für die Demokratie auf- und einzustehen. Er hat damals unter anderem für die Pressefreiheit gekämpft. Diese ist heute nicht einmal mehr in den USA selbstverständlich. Demokratie ist leider kein Naturgesetz.“

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