Kirchheim

Plastikflut überschwemmt die Alb

Umwelt Nicht nur die Meere vermüllen immer mehr. Auch das Naherholungsgebiet Schwäbische Alb würde ohne die zeitaufwendigen Aufräumarbeiten von Rangern mittlerweile übel aussehen. Von Daniela Haußmann

Die Hinterlassenschaft eines Wochenendes. Wären keine fleißigen Helfer im Einsatz, würde manches Ausflugsziel bald einer Deponie
Die Hinterlassenschaft eines Wochenendes. Wären keine fleißigen Helfer im Einsatz, würde manches Ausflugsziel bald einer Deponie gleichen. Fotos: Daniela Haußmann

Zum Lachen ist Martin Gienger nicht zumute. Einmal pro Woche sammelt der Ranger vom Landratsamt (LRA) Esslingen das ein, was andere in der Natur einfach liegenlassen. 15 bis 20 Tonnen Müll lesen Gienger und seine Kollegen jedes Jahr im Bereich der Schwäbischen Alb auf. Ein Aufwand, der nach Auskunft von LRA-Sprecher Wolf-Dieter Roser jährlich Kosten in Höhe von rund 60 000 Euro verursacht. Einwegtaschentücher, Glasflaschen, Konservendosen, Zigarettenschachteln - weit muss Martin Gienger nicht gehen, um am Owener „Zahnbürstle“ Abfälle zu finden. Gleich am Parkplatz ist ein Gebüsch voll davon. Verärgert greift der Ranger nach einem Pappbecher mit Plastikdeckel.

Durch die UV-Strahlung der Sonne und andere Umwelteinflüsse wird der Deckel laut Gienger so instabil, dass er regelrecht zerbröselt. Die kleinen Kunststoffteilchen können das Ökosystem schädigen, wie Untersuchungen der Freien Uni Berlin und des Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) zeigen. Die Oberflächen kleinster Plastikteile können mit krankheitserregenden Organismen angereichert sein und als Vektor fungieren, also die Krankheiten in die Umwelt transportieren. Mikroplastik kann den Forschern zufolge aber auch mit der Bodenfauna interagieren und deren Gesundheit, aber auch die Bodenfunktion beeinträchtigen.

Ranger Martin Gienger säubert regelmäßig das „Zahnbürstle“.
Ranger Martin Gienger säubert regelmäßig das „Zahnbürstle“.

So bauen laut IGB etwa Regenwürmer ihre Höhlen anders, wenn sich Mikroplastikteile im Boden befinden, was sowohl die Körperfunktionen des Regenwurmes als auch die Bodenbeschaffenheit verändert. Nicht zuletzt deshalb appelliert Martin Gienger an alle, die in der Natur unterwegs sind, Abfälle ordnungsgemäß zu entsorgen. „Besser ist natürlich, weitestgehend plastik- und abfallfrei zu wandern“, findet der Ranger. „Mit Thermoskanne, Taschenmesser, Feldbesteck, Brotdosen aus Edelstahl oder einem Holz-Vesperbrett ist das möglich.“ Darüber hinaus gibt es tatsächlich Hundehalter, die den Zweck der Kotbeutel ad absurdum führen.

Denn einige lesen das Häufchen ihres Vierbeiners zwar mit der Tüte auf, lassen sie dann aber im Gras liegen. „Auch hier wird das Plastik zum Problem“, kritisiert Martin Gienger. „Die Tütchen gehören in den nächstgelegenen Abfalleimer. Ist keiner da, muss man sie mitnehmen.“ Schließlich geht es um den Schutz des Ökosystems. Herumliegenden Müll findet sich vor allem an stark frequentierten Ausflugszielen, wie etwa Teck, Rauber, Sulzburg, Reußen- oder Breitenstein. Auch dort stößt Gienger immer wieder auf Zeitungen, Kassenbons oder bedruckte Pizzaschachteln, die allem Anschein nach ins Grüne geliefert wurden. „Dass sich aus derartigen Produkten mit dem Regen zum Beispiel chemische Stoffe aus Farbmitteln lösen, ist vielen nicht bewusst“, bedauert der LRA-Vertreter.

Kopfzerbrechen bereiten ihm auch wilde Feuerstellen, denn die sind kaum aus der Welt zu schaffen. „Bevor über die betroffenen Bereiche Gras wachsen kann, zündet genau am gleichen Punkt schon der nächste ein Feuer an“, erzählt Martin Gienger. „So kann sich das Bodenleben nicht erholen.“ Deshalb gibt es in Giengers Zuständigkeitsbereich wilde Feuerstellen, die 30 Jahre alt sind. Derartige Schäden verursachen im Übrigen auch Einweggrills, die man direkt auf dem Boden platziert. Die bestehen oft aus flachen Aluschalen, die mit Holzkohle und einem Rost bestückt sind. Manche stellen die Grills auf Holzbänke, die danach beschädigt sind. „Viele unterschätzen auch die Brandgefahr“, kritisiert Gienger, der betont, dass das Brutzeln nur an offiziellen Grillplätzen gestattet ist.

Beim Naturschutzzentrum Schopflocher Alb wurden laut Geschäftsführerin Dr. Franziska Harich neben einem Haufen von Lesesteinen Fliesen abgelegt. Und das obwohl ein Schild darauf hinweist, dass das Abladen von Bauschutt verboten ist. „Doch sowas kommt bei uns nur sehr selten vor“, so Harich, die betont, dass der Aufenthalt in der Natur mit Naherholung und Lebensqualität verbunden ist. Eine saubere Umgebung sorgt dafür, dass das so bleibt. Außerdem wird korrekt entsorgter Müll zum Teil recycelt und weiterverwendet. Das schont Ressourcen. Wer seinen Abfall auf Wald und Flur einfach liegen lässt, unterbricht diesen Kreislauf. Doch das scheint laut Martin Gienger nicht jedem bewusst zu sein.

Wilde Entsorgung kann teuer werden

In Owen gibt es laut Petra Schuster vom Ordnungsamt zwar Hotspots, an denen Abfälle wild entsorgt werden, doch das Problem ist überschaubar.

In Kirchheim erhebt das Ordnungsamt für ein weggeworfenes Parkknöllchen 25 Euro Bußgeld. Für ein Fitnessgerät, das einfach auf der Straße abgestellt wurde, schlugen schon 150 Euro zu Buche. Für Bauschutt, der unkorrekt abgeladen wurde, hat die Stadt schon mit 200 Euro zur Kasse gebeten.

Die Bußgeldhöhe orientiert sich in der Teckstadt nicht nur an vergleichbaren Vorkommnissen, sondern auch am konkreten Einzelfall. So wird beispielsweise berücksichtigt, ob es sich um Wiederholungstäter handelt. Aufgrund anonymer Hinweise, auch in Form von Bildmaterial, gelingt es immer wieder, „Schmutzfinken“ zu überführen. dh

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