Kirchheim

Randnotiz zur digitalen Team-Konferenz: Seht ihr mich?

Max Pradler

Ab 10.30 Uhr weiß man, wo’s langgeht - dieser Leitsatz gilt wohl für die meisten Reporter. Denn just um diese Zeit findet beim Großteil der Redaktionen die Tageskonferenz statt. Im Newsroom bündeln sich sämtliche Infos rund um die Region auf ein paar Quadratmetern. Umrahmt von etwas Klatsch und Tratsch wird hier akribisch der Inhalt für die nächste Ausgabe geplant. Während sich manche dabei an einer Tasse Kaffee festhalten, um überhaupt erst einmal richtig wach zu werden, haben sich andere bereits fleißig Anmerkungen notiert.

Doch jetzt ist das anders: Nun blicken wir per Videoübertragung in das Heiligste unserer Kollegen: die eigenen vier Wände. Manchmal tapsen dabei neugierige Kinder durchs Bild, manchmal macht es sich eine sabbernde Hundeschnauze vor der Linse bequem. Der Kollege, dessen Computer in einem blau tapezierten Zimmer steht, hat bereits seinen eigenen Running-Gag. „Da hockt er wieder in seinem Aquarium“, heißt es inzwischen Morgen für Morgen, sobald sich die Webcam einschaltet - und schlagartig erhält die Konferenz einen positiven „Flow“. Manchmal ist dann sogar Micky Maus mit in der Leitung. Komischerweise aber immer nur dann, wenn unser Fotograf im Dienst ist. Nach spitzfindigen Ermittlungen wurde das Rätsel mittlerweile gelöst: Es ist lediglich das defekte Mikrofon, das unseren Mann an der Kamera wie eine quietschende Comicfigur klingen lässt.

Doch völlig egal, was für den täglichen Lacher sorgt - die Produktivität der Runde leidet darunter keineswegs. Die Diskussionen über die spannendsten Geschichten rund um Kirchheim sind hitzig wie eh und je. Meis­tens ist sich die Runde recht schnell einig, doch teilweise wird es auch mal laut. Okay, zugegeben: Am lautesten wird es für gewöhnlich so zwischen 10.33 und 10.35 Uhr. Nämlich dann, wenn irgendein Nachzügler mit verzweifelter Stimme in die Leitung brüllt: „Halloooo!? Hört ihr mich? Sieht man mich?“ Aber wenn dann auch diese letzte technische Hürde gekonnt bewältigt wurde, geht es mit 120 Prozent an die Arbeit. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob sich ein Kollege im letzten Eck seines Schlafzimmers verkriecht, weil es der einzige ruhige Platz im Haus mit drei kleinen Kids ist, oder ob der andere mal wieder von seiner sonnigen Terrasse mit traumhaftem Teck-Blick prahlt.

Was anfangs undenkbar war, weil direkte Kommunikation in unserem Job unabdingbar ist, wird so langsam zur Normalität. Die Distanz bringt uns näher, das Gemeinschaftsgefühl wächst. Wir lernen uns nochmals auf eine ganz andere Art und Weise kennen - und nicht nur deshalb, weil wir diesmal alle mit Schlabberpulli und Jogginghose zu Hause sitzen. Max Pradler

Symbolbild
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