Kirchheim
Raus aus dem Auto: Das Dienstrad schont Klima und Geldbeutel

Umwelt Und rauf auf auf den umweltfreundlichen Sattel: Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nutzen das Fahrradleasing über ihren Arbeitgeber. Von Thomas Zapp

Die Frage der Kollegen ist mittlerweile zu einer Art Begrüßungsformel geworden, die je nach Wetterlage Be- oder Verwunderung zum Ausdruck bringen kann: „Bist Du heute wieder mit dem Fahrrad da?“ Seitdem der Autor dieser Zeilen die Anfahrt zur Redaktion von Esslingen meistens mit dem Dienstfahrrad erledigt, gilt er zwar nicht als Sportskanone, aber zumindest als vorbildlich was den Gesundheitsaspekt betrifft. Denn auch wenn das Dienstfahrrad ein E-Bike ist und den strampelnden Redakteur an den Hügeln zwischen Denkendorf und Köngen dankenswerter Weise unterstützt: Gestrampelt wird trotzdem und die frische Luft gibt es noch dazu. Zudem vermeidet er auch die Emissionen des Alternativvehikels, einem VW mit Verbrennungsmotor. Dienstradeln ist also auch gut für’s Klima.

Bei einem Anschaffungspreis von mehr als 3000 Euro wäre es in absehbarer Zukunft wahrscheinlich nicht zu dieser klimaschonenden und gesundheitsfördernden Vereinigung zwischen Arbeitnehmer und Fahrrad gekommen. Aber durch das Fahrradleasing schmerzt der Kauf nicht allzu sehr: Der Arbeitgeber schließt einen Rahmenvertrag mit dem Anbieter ab, der Mitarbeiter wählt ein Rad aus, die Leasing-Raten werden über Gehaltsumwandlung vom dessen Bruttogehalt abgezogen. Damit sinkt das zu versteuernde Einkommen und die Abgabenlast.

Im Kirchheimer Umland ziehen immer mehr Unternehmen mit. Beim Owener Sensor-Hersteller Leuze sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seit mittlerweile drei Jahren dabei. Sie beginnen bereits einen zweiten Zyklus und leasen ein neues Rad. Alternativ können sie es auch rauskaufen. Insgesamt sind es aktuell 291 Mitarbeiter von bundesweit 900, die das Angebot wahrnehmen. Mit fast 30 Prozent „Dienstradquote“ liegt Leuze damit über dem Durchschnitt aller Kunden des Anbieters Job-Rad. Das Unternehmen geht daher schon den nächsten Schritt: In naher Zukunft soll ein Ladeterminal mit zehn Ladeplätzen kommen.  

Seit April 2021 bietet die TTS-Unternehmensgruppe, zu der auch die Marke Festool gehört, ihren Mitarbeitenden an den Standorten Wendlingen, Weilheim und Neidlingen das „TTS Company Bike“-Programm an. Damit haben Angestellte ebenfalls die Möglichkeit, das Dienstfahrrad via „Bruttovergütungsumwandlung“ zu bezahlen. Zusätzlich bekommen sie einen Zuschuss, mit dem sich das Unternehmen an den Kosten beteiligt. Über einen Münchner Anbieter hat die TTS mittlerweile über 170 Fahrräder bestellt, die auch privat genutzt werden dürfen. „Außerdem besteht die Möglichkeit, für Haushaltsangehörende ein zweites Fahrrad zu leasen, damit auch Ehepartner oder Kinder mitradeln können“, erklärt Sprecherin Silvia Pirro.

Profitieren sollen auch Angestellte im öffentlichen Dienst. Die Stadt Kirchheim arbeitet derzeit aber mit einer anderen Lösung: Sie zahlt 75 Prozent der Leasingrate, jedoch höchstens 40 Euro Zuschuss zu dem über die Stadt geleasten Rad: Derzeit nehmen das 27 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wahr. Laut Stadtsprecher Robert Berndt sind weitere Anträge in der Bearbeitung. Geplant sind bis Ende 2024 insgesamt 400 Leasing-Fahrräder. Seitdem das Leasing-Modell auch für den öffentlichen Dienst zulässig ist, prüft Kirchheim die Umstellung auf das Modell der Gehaltsumwandlung.

Verwaltung nutzt andere Modelle

Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landratsamts sollen ihren Beitrag zum Klimaschutz leisten und werden motiviert, mit gutem Beispiel voranzugehen. Zwar gibt es dort kein Dienstrad-Leasing, aber einen Gehaltsvorschuss für den Kauf eines Rades. Außerdem bekommen alle, die mit dem Rad zur Arbeit kommen,  pro Tag drei Euro – allerdings begrenzt auf 100 Fahrten im Jahr vom Wohn- zum Dienstort. „Im vergangenen Jahr haben etwa 200 Personen den Radlerbonus genutzt, den Gehaltsvorschuss hat die Kreisverwaltung 30 Mal gewährt“, erklärt Sprecherin Andrea Wangner. Damit sind fast zehn Prozent der Beschäftigten mit dem Rad unterwegs. Bei der Einführung vor knapp anderthalb Jahren war von der Hälfte ausgegangen. Der Landkreis geht von jährlichen Mehrkosten von rund 30 000 Euro aus. 

A propos Geld: 4000 Kilometer hatte das Dienstfahrrad bei der ersten Inspektion nach einem Jahr auf der Uhr: Bei den aktuellen Benzinpreisen wären da Kosten von mehr als 640 Euro zusammengekommen. Dieser Gedanke spendet besonders in jenen Momenten Trost, wenn die Kollegen den Dienstradler vor der Heimfahrt im Regen-Outfit schauen mitleidig anschauen, während draußen dunkle Wolken einen kräftigen Schauer ankündigen.   ​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​​