Kirchheim

Reichtum durch Palmen und Sesam

Wohltäter Heute vor 125 Jahren ist Gottlieb Leonhard Gaiser in Hamburg gestorben. In seinem Testament hat er auch Schlierbach und Kirchheim bedacht. Von Manfred Pohl

G. L. Gaiser. Foto: Staatsarchiv

In das Jahr 2017 fallen zwei Gedenktage, die einen Zeitrahmen von 75 Jahren umfassen. Es sind der Geburtstag und der Todestag von Gottlieb Leonhard Gaiser. Auf ihn geht die Bezeichnung „Gaiserplatz“ zurück, nicht etwa auf Ernst Geiser, der sein Kaufhaus in der Max-Eyth-Straße 12 hatte. Gottlieb Leonhard Gaiser wurde am 30. Juni 1817 in Schlierbach geboren, als drittes Kind der Eheleute Anna Maria und Johann Ludwig Gaiser, Ochsenwirt in Schlierbach. Sein Geburtshaus, heute Hauptstraße 26, existiert nicht mehr.

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Nach der Konfirmation tritt G. L. Gaiser im Mai 1831 in Vaihingen an der Enz bei dem Kaufmann und Sägmühlenbesitzer Ludwig Fischer eine Lehre an, die er 1833 in Kirchheim fortsetzt - bei Johannes May­er, Kaufmann am Markt, heute Marktstraße 26. Er schließt sie am 8. Januar 1834 „mit gutem Zeugniß über Sittlichkeit und Kentniße“ ab. Mitte der 30er-Jahre gelangt er über Neuchâtel nach Lyon. Im Korkgeschäft F. Dreuller erlernt er das Korkschneiden, wird Handlungsreisender und später Mitinhaber. Zudem erwirbt er Kenntnisse über die Verarbeitung tropischer Ölsaaten.

Im März 1852 beschäftigt eine Äußerung Gaisers das Justizministerium und das Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten von Württemberg. Hintergrund war eine Anzeige gegen den Handlungsreisenden Gottlieb Gaiser, der im Gasthof zur Krone in Kirchheim vor anderen Gästen geäußert habe: „Die braven Hessen werden seit 150 Jahren von lauter Schurken regiert.“ Die Ministerien nehmen aber von weiteren Untersuchungen Abstand, „da hiedurch möglicher Weise nur Anlaß zu größerem Scandal gegeben würde“.

Das Kinderpaar vor G. L. Gaisers Grabmal. Foto: Manfred Pohl

Am 31. März 1854 erhält G. L. Gaiser als Kaufmann das Hamburger Bürgerrecht. Bald darauf, am 4. Mai, ehelicht er die zehn Jahre jüngere Witwe des 1849 verstorbenen Kaufmanns Johann Ulrich Rengstorff, Margaretha Dorothea Henriette. Diese hatte er bei einer seiner Reisen für die Firma Dreuller in Berlin kennengelernt.

1859 errichtet Gaiser mit Franz Settels in Harburg, das damals zum Königreich Hannover gehörte, eine Ölmühle. Mit ihr setzt er seine Kenntnisse zur Verarbeitung der Früchte von Ölpalmen und anderen zu Öl bearbeitbaren tropischen Pflanzen wie Sesam, was in Deutschland noch unbekannt war, in die Tat um. Wegen des wachsenden Bedarfs an Rohstoffen strebt Gaiser an, diese selbst vor Ort einzukaufen. Eine günstige Gelegenheit bietet sich, als ein Hamburger Handelshaus beabsichtigt, seine überseeischen Niederlassungen an der westafrikanischen Küste aufzugeben. Die Gaisersche Ölmühle hatte bis dahin über dieses Handelshaus den größten Teil seines Rohstoffbedarfs gedeckt.

1869 gründet Gaiser mit John Witt die Firma Witt & Co. Der Handel mit den einheimischen Produzenten und Händlern sowie die damit verbundenen Aktivitäten der Gaiserschen Faktoreien bringen das Handelshaus zu einer führenden Position in Westafrika. Gaiser nimmt zum Transport der Rohstoffe eigene Schiffe in Betrieb. Seine Neffen, Carl Ludwig und Carl Wilhelm Julius Heldbeck, führen als Generalagenten die Faktoreien in Westafrika.

Nach längerer Krankheit verstirbt G. L. Gaiser am 28. Dezember 1892 - also heute vor 125 Jahren - in Hamburg. Am 31. Dezember wird er auf dem Hamburger Friedhof Ohlsdorf beigesetzt. Ein langer Trauerzug begleitet ihn von seinem Wohnsitz bis zur Ruhestätte. 1894 wird er in ein Familiengrab innerhalb des Friedhofsareals umgebettet. Die Grabanlage besteht aus einem Obelisken mit massiver Basis aus Granit, auf dem „G. L. Gaiser“ steht. Auf den Stufen steht ein trauerndes Kinderpaar. Die Blicke sind auf die Grabplatten mit Namen und Lebensdaten der Bestatteten gerichtet.

Nach Gaisers Tod führte sein Schwager Johann Martin Brettschneider zunächst beide Unternehmen weiter. Er verkaufte die Ölmühle, die 500 Arbeitern Arbeit und Lohn gab, 1899 an Friedrich Thörl. Nur noch wenige Backsteingebäude sind erhalten und dienen heute anderen Zwecken. Brettschneider und seine Nachfolger konzentrierten sich verstärkt auf den Handel mit Afrika. Das Handelshaus bestand bis 1939.

Gaisers Stiftungen

Bereits 1888 hatte Gaiser, wie auch Jakob Friedrich Schöllkopf, dem Kirchheimer Verschönerungsverein 1 000 Gold-Mark für den Bau des Teckturms mit Schutzhütte zur Verfügung gestellt. Bedingung war, die Hütte am 2. September 1889 einweihen zu können. Zur tatsächlichen Einweihung am 1. September 1889 waren alle Stifter eingeladen. Ob Gaiser daran teilnahm, ist aber nicht bekannt. In seinem Testament von 1890 vermachte er unter anderem 430 000 Gold-Mark 13 Wohltätigkeits-Anstalten in Hamburg.

Seinem Geburtsort Schlierbach vermachte er für die Schule sowie für Arme und für die Krankenpflege 50 000 Mark. Die Paulinenpflege in Kirchheim erhielt 10 000 Mark. Der Stadt Kirchheim gab er 100 000 Mark für Zwecke der Schule. Im heutigen Vergleich entspricht der damalige Wert einer Goldmark rund 9,86 Euro.

Orte der Erinnerung an G. L. Gaiser in Kirchheim und Schlierbach

Das Gebäude Alleenstra­ße 82 in Kirchheim war 1837/1838 erbaut worden. G. L. Gaiser erwarb es 1876 und ließ es durch einen Anbau vergrößern. Als denkmalgeschütztes Bauwerk ist es heute in der Liste der Kulturdenkmale in Baden-Württemberg aufgeführt.

Der Gemeinderat beschloss 1893 auf Anregung des Stadtgeometers, der mit der Neunummerierung der Gebäude Kirchheims beauftragt war, den in der Dettinger Vorstadt gelegenen namenlosen Platz „Gaiserplatz“ zu nennen. Mit dieser Entscheidung sollte Gaiser als einer der Wohltäter Kirchheims geehrt werden.

Drei Gebäude gehören zum Gaiserplatz: Die Nummer 1 nennt ihre Standort-Zugehörigkeit in einem schön gefassten Straßennamensschild an der Bleichestraßenfassade. Die Nummer 3 hat ein offizielles Straßen­schild. Das Gebäude Num­mer 5 (Ecke Dettinger Stra- ße / Tannenbergstraße) überlässt seine Zuordnung der Spekulation, denn dort steht „Tannenbergstraße“.

In Gaisers Geburtsort Schlierbach wurde 1948 die seit 1920 „Im Hinterdorf“ genannte Straße amtlich umbenannt und in die „Gaiserstraße“ und die „Seestraße“ aufgeteilt. Die Straßenbezeichnung „Gaiser­straße“ taucht aber bereits in der im September 1946 gefertigten Übersicht über die Nummernänderung der Gebäude von Schlierbach auf. In einem Schlierbacher Gemeinderatsprotokoll gibt es zwar die Bezeichnung „Gaiserplatz“. Sie findet sich aber in keinem weiteren Dokument wieder. Einheimische verwenden die Platzangabe manchmal, um den Kreuzungsbereich Gaiser-, Wolf-, Seestraße und Hattenhofer Straße zu beschreiben.

Das Schul- und Rathaus in Schlierbach, um 1900 wesentlich aus Mitteln des Gaiserschen Vermächtnisses neu errichtet, schmückte einst ein portalähnlich gestaltetes Doppelfenster. Dessen bogenförmiger Abschluss bildete ein Relief mit dem Porträt des Stifters. Entworfen hatte es der Schlierbacher Bildhauer Johann Karl Heinrich („Henri“) Weigele, der seit 1877 in Paris wirkte. Das Bauwerk wurde in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zerstört.mp