Kirchheim

„Robotino“ und der Mann mit dem Pflug

Industrie 4.0 An der Kirchheimer Max-Eyth-Schule lernen angehende Techniker den Arbeitsplatz der Zukunft in virtuellen Produktionswelten kennen. Von Bernd Köble

Arbeit am virtuellen Roboter: Ein Mitarbeiter der Hochschule Esslingen erklärt den Gästen in Kirchheim, worum es geht.Foto: Cars
Arbeit am virtuellen Roboter: Ein Mitarbeiter der Hochschule Esslingen erklärt den Gästen in Kirchheim, worum es geht.Foto: Carsten Riedl

Was Max Eyth dazu gesagt hätte, darüber lässt sich nur spekulieren. Der Mann „hinter Pflug und Schraubstock“ gilt als Pionier der industriellen Revolution, und er war Kirchheimer. Insofern wirkt schlüssig, dass auch die digitale Revolution im Arbeitsleben hier und unter seinem Namen Fahrt aufnimmt. Die Kirchheimer Max-Eyth-Schule, das gewerbliche Bildungszentrum mit der symbolträchtigen Dampflok vor der Tür, hat gestern seine „Lernstraße Industrie 4.0“ eröffnet. Für den Landkreis als Träger ein weiterer wichtiger Schritt in die digitale Zukunft an seinen acht Berufsschulen in Kirchheim, Esslingen und Nürtingen.

Worum es geht? Zunächst um ein Symbol des analogen Alltags: einen simplen Flaschenöffner. Dessen Weg von der Entwicklung über die Fertigung bis zur Vermarktung begleiten Lehrer und Schüler in digital vernetzten Produktionsprozessen. Vom Spritzguss bis zur Endgravur, unterstützt von hochsensiblen Industrie-Robotern, die auf so niedliche Namen wie „Robotino“ hören. „Wir bilden die gesamte Wertschöpfungskette ab“, sagt Schulleiter Jochen Schade über das Projekt. Teils in realen Arbeitsschritten, teils im virtuellen Raum. Augmented Reality - erweiterte Realität - nennt sich das, was mittels Spezialbrille dreidimensional erfahrbar wird. Wo Maschinen-Arbeitsplätze zu teuer sind, hilft die Simulation. Nur der Name trifft die Sache nicht im Kern: „Wir arbeiten nicht an einer Straße, sondern in einem sehr komplexen Netz“, sagt Schade. Dazu gehört auch, dass einen Teil des Stroms inzwischen eine selbst gefertigte Photovoltaikanlage auf dem Dach der Schule liefert.

Das alles geht nur Hand in Hand mit Partnern aus Wissenschaft und Forschung. Mit im Boot sind unter anderen die Hochschule in Esslingen und die Automatisierungs-Experten von Festo, die gleichzeitig als Weltmarktführer im Bereich technische Bildung gelten. Den wesentlichen Teil des 350 000 Euro teuren Projekts finanziert das Wirtschaftsministerium des Landes zusammen mit der Bildungsstiftung der Kreissparkasse. Ihr Anteil: 60 000 Euro.

Landrat Heinz Eininger hält beim Thema Digitalisierung mit seinem Stolz nicht hinterm Berg. Die Offensive, die die Verwaltung mit politischer Rückendeckung des Kreistags angestoßen hat, ermöglicht einen branchenübergreifenden Austausch in der Arbeitswelt der Zukunft -+ von der Pflege bis zum Thema E-Mobilität. Schon heute arbeiten die Schulen an gemeinsamen Projekten, jeder in seinem Fachgebiet, digital vernetzt in der Cloud. Milliardenpakete an Fördergeldern zu schnüren sei das eine, sagte Eininger bei der Eröffnung vor Vertretern aus Schule, Wirtschaft und Politik. „Wir warten nicht ab, wir ergreifen selbst die Initiative.“

Dritter Baustein in der digitalisierten Ausbildung

Die Lernstraße Industrie 4.0 der Kirchheimer Max-Eyth-Schule ist bereits der dritte Baustein des Landkreises auf dem Weg zur digitalisierten Ausbildung an den Berufsschulen. Zuvor waren schon die Hochvolt-Werkstatt an der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule in Nürtingen und das Multilabor Handwerk der Esslinger Friedrich-Ebert-Schule in Betrieb gegangen. Aber auch weitere Stationen sollen in naher Zukunftfolgen. Der Förderantrag für eine digital vernetzte Kfz-Werkstatt an der Philipp-Matthäus-Hahn-Schule, mit der in der Ausbildung die Brücke ins Zeitalter der Elektromobilität geschlagen werden soll, liegt bereits beim Wirtschaftsministerium.

Ab Frühjahr sollen dann auch überall die notwendigen Voraussetzungen für den Einstieg in digitale Ausbildungswelten an den acht Berufsschulen im Kreis vorhanden sein: flächendeckendes WLAN und Glasfasertechnik.bk

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